 würdig machen. Ich könnte mein Versehen
dreuste leugnen, ich könnte sagen, dass ich gleich bei den ersten Zeilen wäre
inne worden, dass mich der Innhalt des Briefes nicht anginge; ich hätte so viel
Gewalt über mich gehabt, den Brief wieder zu siegeln, ohne weiter zu lesen. Was
wollten Sie machen? Glauben müssten Sie mir es doch, so wenig Lust dazu Sie auch
bezeigen möchten. Ich will sehen, ob ich meinem Fehler noch gar ein Verdienst
beilegen kann: ich will Ihnen aus aufrichtigen Herzen zu Ihren neuen Anbeter
Glück wünschen. Habe ich es nicht schon oftmals gesagt, dass Sie in den Augen des
Majors eben das sind, was ich bin in den Augen des Herrn v.N.? Sehen Sie nur,
wie meine Vermutungen so richtig eingetroffen sind. Wenn ich nicht wüsste, dass
Sie sich nur so gestellt haben, als wenn Sie die Absichten des Majors nicht
merkten: so würde ich stolz darauf sein, und mich für ein sehr kluges Mädchen
halten, auf die Art könnte ich weiter sehen als Sie. Machen Sie mich nur in
Zukunft zur Vertrauten bei Ihrer Liebe, einmal weiß ich doch um Ihr Geheimnis,
und wenn Sie mich auch überreden wollten, dass Sie gegen den Major unerbittlich
wären; so glaubte ich Ihnen dieses eben so wenig, als Sie es tun würden, wenn
ich Ihnen sagte, ich hätte innliegenden Brief nicht ganz gelesen. Brauchen Sie
ja nicht ein so geringes Versehen, als das ist mit der Addresse des Briefes, zum
Vorwande, gegen mich über den Hrn. v. Ln. sich erzürnt anzustellen, ich werde
doch nicht glauben, dass es Ihnen von Herzen geht. Überhaupt lege ich diesen
Fehler zu seinem Vorteil aus. Ich habe zwar von den Empfindungen der Liebenden
sehr undeutliche Begriffe: so viel sehe ich aber doch ein, dass seine Neigung
eine der heftigsten sein muss; seine Gedanken mussten sich ganz in Sie verloren
haben; er befand sich ohne Zweifel in einer Art von Entzückung, da er die
Aufschrift auf den ersten Brief an seine Göttin machte. Sein Sie ja nicht
unbarmherzig gegen einen so eifrigen Liebhaber. Hören Sie, was ich sage! Ich
will Sie nicht länger von dem Vergnügen abhalten, das zärtliche Briefgen Ihres
Verehrers zu lesen, vermutlich haben Sie mein Schreiben zuerst in die Hand
genommen. Wenn Sie in Ihrem Herzen noch ein klein Plätzgen übrig haben und sich
Ihr Freund darin nicht schon gar zu breit macht, so heben sie solches auf für
                                      Ihre
                                                                      ergebenste
                                                                       Jul. v.W.
 
                                  XXIV. Brief.
                             Einschluss des vorigen.
                              An das Fräulein v.W.
                                                                 den 1 November.
        Gnädiges Fräulein,
Sie mögen es nun billigen oder nicht, so wage ich es doch
