 dem äußerlichen Bezeigen.
Hierdurch machte ich den Prinzen nur beherzter. Er kam an einem Nachmittage
unangemeldet zu mir. Er machte mir allerhand kleine Liebkosungen; doch bei der
ersten Freiheit, die er sich herausnahm, sagte ich zu ihm: »Erlauben Sie mir,
dass ich es Ihrer Gemahlin darf melden lassen, dass Sie bei mir sind, damit sie
mir das Glück ihrer Gegenwart auch gönnt!« - »Sie ist schon in den Gedanken bei
mir«, fing er an. - »Und mein Gemahl«, antwortete ich, »ist auch bei mir, wenn
er gleich im Felde ist.« Darauf machte er mir ein frostig Kompliment und ging
fort. Wie rachgierig dieser Herr war, wird die Folge ausweisen.
    Mein Gemahl kam wieder zurück, und nach seiner Ankunft ward ihm der Hof
verboten. Dieses war die erste Rache eines beleidigten Prinzen. Wir gingen
darauf auf unser Landgut. Ich entdeckte meinem Gemahle ohne Bedenken die Ursache
der erlittenen Ungnade und bat ihn tausendmal um Vergebung. »Ich bin sehr wohl«,
sprach er, »mit meinem Unglücke zufrieden. Fahren Sie nur fort, mich durch Ihre
Tugend zu beleidigen; ich will Ihnen zeitlebens dafür danken. Ich habe es
vorausgesehen, dass Ihnen der Hof gefährlich sein würde. Ich konnte mir
einbilden, dass man Sie bewundern, und dass Ihr Herz der Versuchung der Lobsprüche
und Ehrenbezeugungen nicht gleich den ersten Augenblick widerstehen würde. Die
erlittene Ungnade ist nichts als ein Beweis, dass ich eine liebenswürdige und
tugendhafte Frau habe.«
    Wir lebten auf unserm Landgute so ruhig und zärtlich als jemals. Und damit
wir den Verlust unsers klugen Vaters desto weniger fühlten, so nahm mein Gemahl
seinen ehemaligen Reisegefährten, den Herrn R..., zu sich. Er war noch ein
junger Mann, der aber in einer großen Gesellschaft zu nichts taugte, als einen
leeren Platz einzunehmen. Er war stumm und unbelebt, wenn er viel Leute sah.
Doch in dem Umgange von drei oder vier Personen, die er kannte, war er ganz
unentbehrlich. Seine Belesenheit war außerordentlich und seine Bescheidenheit
ebenso groß. Er war in der Tugend und Freundschaft strenge bis zum Eigensinne.
So traurig seine Miene aussah, so gelassen und zufrieden war er doch. Er schlug
kein Vergnügen aus; allein es schien, als ob er sich nicht sowohl an den
Ergötzlichkeiten selbst als vielmehr an dem Vergnügen belustigte, das die
Ergötzlichkeiten andern machten. Sein Verlangen war, alle Menschen vernünftig
und alle Vernünftige glücklich zu sehen. Daher konnte er die großen
Gesellschaften nicht leiden, weil er so viel Zwang, so viel unnatürliche
Höflichkeiten und so viel Verhinderungen, frei und vernünftig zu handeln,
darinnen antraf. Er blieb in allen seinen Handlungen
