
    München, 8. Februar 1919.
                                                                     Paula Sack.
 
                                 Ein Namenloser
 Etwas Grauenhaftes ist ausgebreitet, klanglos lichtlos - eine finstere Häufung
erboster Atome. Hier zu kompakten, ruhlos in sich rasenden Klumpen verfilzt,
dort von einander sich reißend, flüchtig, eins des anderen Feind. Wahllos stößt
und bebt und kreist und zittert und wirbelt das Durcheins in schauriger
Sinnlosigkeit. Wohl schlagen die von einander sich reißenden, flüchtigen, die
eins des anderen Feind sind, zuweilen in fieberndem Rhythmus hin und wider und
als rasende Welle pflanzt sich ihr zitterndes Fieber fort und bringt die
kompakteren ruhlos in sich rasenden zu größerem Rasen. Wohl flüchten rollende
Punkte, die jene anderen rastlos umkreisen, wie eine gehetzte Schar von hier
nach dort, von dort nach hier und bringen den Tanz des Chaos zu größerem Chaos.
Wohl stößt und prallt und kreist und rollt und zittert und strömt das in sich
unentwirrbar schier, jedes der Kreisenden, der Gehetzten, der Wirbelnden, der
Gestossenen und Stossenden nach seinem Gesetz und seiner Art. Wohl weiß ich die
Formel dafür, wohl kenne ich ihre Geschwindigkeit, ihren Weg und ihr Gewicht und
weiß, wie ihr Wirbel und Zusammenhang war und sein wird - aber es ist Finsternis
und Schweigen, finsterster, schweigendster Wahnsinn. Und einst nimmt auch
dieses, die Mannigfaltigkeit der Schwingungsgeschwindigkeit der einzelnen, ein
Ende und es ist nichts denn ein rätselhaft grauenhafter Klumpen voll
Gleichartigkeit, von ruhlos gleichartig zitternder Globen, klanglos, lichtlos,
zeitlos, der lebende Tod. Denn die Formel weist t = unendlich und die
Intensitätsunterschiede sind hin. Die Entropie hat ihr Maximum, zu dem sie
strebte, erreicht.
    Das ist deine Welt. -
    Aber sie genügt mir nicht; denn, abgesehen von der Unbegreifbarkeit der
Atome und der Entstehung des Bewusstseins aus der Bewegung dieser Atome, stellt
die Mechanik und Atomistik, mittels derer ihr eure Welt eindeutig beschreibt,
nur eine Seite des Unergründlichen dar. Ihr benutzt formaloptische und
Tastempfindungen - haben die ein Vorrecht vor den Empfindungen des Gehörs, des
Geruchs und des materialoptischen Sehens? Sie sind ebenso berechtigt, die
Grundlage eines Weltbildes abzugeben. Ihr redet vom topochemischen Sinn: wieviel
mehrere solcher Sinne mag es geben und damit wieviel mehrere Seiten der Welt? -
Und sollte ich alle, sollte ich ihre Unzahl kennen, so bliebe damit meine Welt
immer nur eine Sinnenwelt, eine Vorstellung und ein Bild, ein Bild, das meine
abstrahierenden und ordnenden - an und für sich aus bestimmten Verhältnissen
heraus gewordenen - Denkformen aus dem Material der Sinnesempfindungen
geschaffen haben. Und über dieses Bild, über dieses Produkt meiner Organisation
und des ebenso unergründlichen Außer-Mir, komme ich nicht hinaus. Und wer
überhaupt berechtigt mich, kausale Beziehungen zwischen diesem Bild und meinen
Sinnen und jener Außenwelt
