 alle Gefühle vermehren, denen ich selbst Gegenstand
war. Möglicherweise war dieser Gedanke aber schon nicht mehr Ursache, sondern
Folge. Slim hatte ihn gewiss schon vorausgedacht. Seine Blicke wurden immer
problematischer. Ich bemerkte bei aller Antipathie, die sich darin gegen mich
auftat, einen Schimmer von Schwermut. Ich habe solche Blicke sonst nur bei
Wahnsinnigen gesehen. Und da kam mir ein Gedanke: es war eine Art gegenseitigem
Verfolgungswahnsinns, unter dem wir litten. Wir waren auf der Flucht. Wir ließ
unsere seelischen Schnittpunkte zurück, wir strebten mechanisch Raum und Zeit
zwischen uns zu legen, wir suchten durch Entwickelung voneinander loszukommen.
Aber an jenem Punkte, dem gemeinsamen Traume, an der Leiche Rulcs, deckten sich
unsere Wesenskerne nach wie vor. Unsere Gehirne lebten wie die siamesischen
Zwillinge, sie hassten sich, aber sie waren so gleich wie ein Ei dem anderen. In
der Wut dieses Schicksals sah ich Slim mit verdoppelter Heftigkeit vorwärts
eilen. Es schien, als wolle er fliehen, fliehen vielleicht vor mir. Da kam
Berserkerstärke über mich. Ich war nach dieser Seite hin nicht nur der
Gebundene. Ich war auch Anteilhaber an einem größeren Betriebe. Ich sah meine
seelischen Kräfte auf Slim überströmen. Jetzt war auch er nicht mehr allein vor
sich. Auch ihm sah jemand bei seiner Seelentätigkeit zu. Wir entwickelten uns
wie eine Lawine, wir multiplizierten uns gegenseitig in unendlicher Reihenfolge.
Wir flohen, aber wir flohen nicht allein innerhalb des Lokales, wir flohen vor
einem überreizten und gleichsam sich schuldig fühlenden Denken. Wir hatten die
brausende Empfindung zeitlichen Ablaufs, des Denkens. Aus dem Raum, dem
fühlbaren Raum in Gestalt eines dickichtverschanzten dicken Waldes in die
streckenlose Zeit! Der Raum wurde von uns entführt. Wir schleppten den Raum.
    Es war ein Wort Slims: Wir schleppten den Raum und liefen Sturm wider die
Zeit. Wir lebten uns widereinander, lebten uns jeder wider sein eigenes Leben.
Wo begann es, wo hörte es auf? Wo war Wirklichkeit und wo Einbildung? Gewissheit
und Zweifel waren behoben. Die Gesichte bestanden für uns nebeneinander. Slim
schlief, aber als Nummer zwei war er unterdes zugegen und ließ es zu, dass Rulc
von Zana erstochen wurde. Wie ihn das quälen musste! Ungefähr wie es mich quälte,
diese unermessliche Leere meines Gehirnes an einer wichtigen Stelle des
Begebnisses. Denn es quälte mich, um es kurz zu sagen, dass Rulc auf so
sonderbare Weise erstochen worden war. Ich fühlte eine geheime Schuld, dass ich
förmliche Anklagen gegen meine Gefährten träumte, gerade als gebrauchte ich
Ausreden über ein Verbrechen, das ich heimlich und unbewusst selbst begangen
hätte. Alles war so merkwürdig klar wie etwas Ausgeklügeltes, ausgenommen dieser
eine Punkt, der Todesstoss. Es bedeutete einen
