 dieser schlafumfangene Blick, diese angstverhaltene Gebärde, diese über
einem etwas verkümmerten Untergesicht edel tronende Stirn, auf welcher Frieden
und Reinheit strahlen: es sind für mich Zeugen von unbesiegbarer Deutkraft. Wenn
sich die Vermutungen bewahrheiten, mit denen sie mich erfüllen, wenn ich die
Wurzeln dieses Daseins aufgraben und seine Zweige zum Blühen bringen kann, dann
will ich der stumpfgewordenen Welt den Spiegel unbefleckten Menschentums
entgegenhalten, und man wird sehen, dass es gültige Beweise gibt für die Existenz
der Seele, die von allen Götzendienern der Zeit mit elender Leidenschaft
geleugnet wird.«
    Es war ein schwieriger Weg, den der eifervolle Pädagoge ging. Da, wo er zu
beginnen hatte, war die menschliche Sprache ein wesenloses Ding, Wort um Wort
musste erst seinem Sinn angeheftet, Erinnerung erst erweckt, Ursache und Folge in
ihrer Verkettung erst entschleiert werden. Zwischen einer Frage und der nächsten
lagen Welten des Begreifens, ein Ja, ein Nein, oft hilflos hingeworfen, galt
noch nichts, wo jeder Begriff erst aus der Dunkelheit erstand und die
Verständigung von Vokabel zu Vokabel stockte. Und doch schien ein Licht wie aus
weit entfernter Vergangenheit den Geist des Jünglings viel rascher zu beflügeln,
als selbst der hoffnungsselige Daumer zu erwarten gewagt hatte. Es war
erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit und Kraft er einmal Gesagtes festhielt und
wie er aus dem Chaos unlebendiger Laute das für ihn Lebendige und
Bedeutungsvolle bildvoll hervorzauberte, so dass es Daumer zumute war, als hebe
er bloß Schleier von den Augen seines Schützlings, als spiele er die Rolle des
Lauschers bei den langsam hervorquellenden Erinnerungen. Er hielt den Körper,
indes der Geist des Knaben zurückkehrte in den Bezirk, von wo er kam, und eine
Kunde brachte, dergleichen kein Ohr je vernommen.
 
                Bericht Kaspar Hausers, von Daumer aufgezeichnet
Soweit Kaspar sich entsinnen konnte, war er immer in einem dunkeln Raum gewesen,
niemals anderswo, immer in demselben Raum. Niemals den Menschen gesehen, niemals
seinen Schritt gehört, niemals seine Stimme, keinen Laut eines Vogels, kein
Geschrei eines Tieres, nicht den Strahl der Sonne erblickt, nicht den Schimmer
des Mondes. Nichts vernommen als sich selbst, und doch nichts von sich selber
wissend, der Einsamkeit nicht innewerdend.
    Das Gemach muss von geringer Breite gewesen sein, denn er glaubte, einmal mit
ausgestreckten Armen zwei gegenüberliegende Wände berührt zu haben. Vordem aber
schien es unermesslich groß; angekettet an ein Strohlager, ohne die Fessel zu
sehen, hatte Kaspar niemals den Fleck Erde verlassen, auf dem er traumlos
schlief, traumlos wachte. Dämmerung und Finsternis waren unterschieden, so wusste
er also um Tag und Nacht; er kannte ihre Namen nicht, allein er sah die
Schwärze, wenn er einmal in der Nacht erwachte und die Mauern entschwunden
waren
