 noch ganz neuer Wahrheiten zu sein. Die mussten deutlich
herausgekehrt, die mussten formuliert werden. Damit teoretische Wahrheiten sich
in politische Institutionen, in soziale Sitten umwandeln, dazu müssen sie in die
Köpfe der Leiter und der Massen dringen. Zu der Ausführung weittragender Ideen
ist dem einzelnen Abgeordneten freilich keine Macht gegeben ... Werkstätte ist
das Parlament ja nicht, aber eine Tribüne ist es. Der Predigt in einer Kirche
lauscht nur eine kleine Gemeinde; die Parlamentsrede, von allen Blättern
wiedergegeben, dringt ins ganze Land und über die Grenzen hinaus.
    Und nun begann er zu schreiben. Einzelne Hauptworte, durch Punkte getrennt.
Gewissermassen Leitmotive, Absteckpfähle.
    Gemeinwohl. Gerechtigkeit. Versöhnung. Und noch eine ganze Reihe so fort.
Als er die Liste überlas, fiel ihm auf, dass diese Worte, die bei der
Niederschrift mit ganzen Begriffsketten und Bilderreihen seine Seele erfüllt
hatten, voll Größe und voll Verheißung - - dass diese Worte abgegriffene Münzen,
schlimmer noch: falschen Spielmarken glichen; denn seit Jahren und Jahren und
immer wieder, bei jeder neuen Programmrede, in jedem Wahlaufruf wurden solche
und ähnliche Worte vorgebracht, - wie sollte da mit das Neue und Erhabene, das
ihm vorgeschwebt hatte, würdig ausgedrückt werden? Goldechtes Gold war's, was er
seinen Mitmenschen hätte bringen wollen; wenn er ihnen aber auch nur diese
alten, verbogenen Messingmarken brachte, wie sollten sie Vertrauen fühlen - wie
den verheissenen Schatz erkennen? Freilich - Gerechtigkeit, Versöhnung und
Gemeinwohl; besseres könnte ja ein Volksvertreter nicht versprechen; das
traurige ist nur, dass es noch von allen jenen versprochen worden, die das
Gegenteil verfolgen, die statt der Gerechtigkeit - der Gewalt Vorschub leisten,
die statt Versöhnung - Verhetzung betreiben; die das Wohl der Parteifraktion
über alles andere stellen. Für die meisten bedeutet Politik eben gar nichts als:
Kampf der Klasseninteressen. Oder auch ein Sprungbrett für persönlichen Ehrgeiz,
ein günstiger Posten zur Erlangung eigenen Vorteils. Und die ausgegebene Parole
heißt immer »Gerechtigkeit, Gemeinwohl«.
    Rudolf suchte nach einem andern Wort. Was not tut, ist nicht das Herzählen
der in allen Morallehren, allen Katechismen, allen Festansprachen wimmelnden
Tugendnamen; was not tut, ist - jetzt hatte er das Wort: Verwirklichung.
    Er tat einen tiefen Atemzug. Wie eine Welle der Energie und des Tatendranges
hatte es ihm durch die Brust geflutet. Er sprang auf und ging im Saale auf und
nieder. Jetzt hatte sein Gedankengang eine andere Richtung. Tun, tun? Was kann
ein einzelner Abgeordneter denn tun in seiner engen Machtsphäre? Er kann
fordern. Die Versprechungen und Phrasen, die aus allen Regierungsprogrammen und
in den Tronreden ebenso tugendhaft und ebenso - leer wimmeln, wie in den
Kandidatenreden, die kann man
