 Ich tue es auch!«
    »Ich ebenso!«
    Es war, als ob diese meine zwei Worte mit Willen begabte Wesen seien, welche
meine Hände fassten, um sie ineinander zu legen. Muss man wissen, um was jemand
bittet, um mit ihm beten zu können? Nein! Der Glaube trägt die Nächstenliebe
himmelan; der Gegenstand des Wunsches braucht nicht genannt zu werden. »Euer
Vater weiß, was ihr bedürfet, noch ehe ihr darum bittet.«
    Gibt es vielleicht ein Dogma oder irgend ein Glaubensbekenntnis, gegen
welches ich gesündigt hätte, indem ich hier als Mensch mit andern guten Menschen
meiner brüderlichen Pflicht gedachte? Ich hoffe: keines! Es sei denn, dass eine
Religion existiere, welche die Verknöcherung des Herzens zur unbedingten Folge
hat! Es war eine ganz eigenartige Atmosphäre, aus welcher ich hier an diesem
Orte und in dieser Stunde körperlich und geistig Odem sog. Da unten in Basra
hatten wir die pest- und fieberschwangern Dünste einer nicht bloß orographischen
Tiefe eingeatmet; hier oben aber umwehte mich, auch nicht bloß äußerlich, eine
Lebensluft, die frei von Keimen zum Erkranken war. Ich hätte behaupten mögen,
dass nie ein Glockengeläut so rein erklungen sei wie dieses hier. Vielleicht
waren die aufsteigenden Fürbitten von eben derselben Lauterkeit, weil niemand
wusste, um wen und um was es sich handelte. Dieser von jeder Aeusserlichkeit
erlöste Gottesdienst wirkte so unmittelbar und siegreich auf das Gemüt, dass eine
Frage nach Knigges »Umgang mit Andersgläubigen« gar nicht aufkommen konnte. Nur
einem vollständig herz-und gemütslosen Menschen wäre es zuzutrauen gewesen, hier
ohne sowohl innere als auch äußere Teilnahme zu bleiben.
    Als der letzte Ton der Glocken zwischen den Bergen verklungen war, verharrte
der Ustad noch einige Zeit im Schweigen; dann wendete er sich mir wieder zu und
sagte:
    »So wie jetzt wurden die Glocken geläutet, mitten in der Nacht, als man dich
und den Scheik der Haddedihn hier bei mir eingebettet hatte. Es gab keinen
einzigen Dschamiki, der sich nicht dem Schlafe entriss, um für euch zu beten. Und
alle, alle, sind auch dann noch mit dieser Fürbitte einverstanden gewesen, als
sie erfuhren, dass ihr unsern Chode Gott und Allah nennet. Wäret ihr beide bei
uns gestorben, so hätten wir euch nicht etwa abseits eingescharrt, sondern ihr
wäret unter Glockenklang und Liedersang auf den Berg getragen worden, wo alle
unsere Brüder und Schwestern liegen, die sich verwandelt haben. Wir hätten euch
gesegnet, wie wir sie gesegnet haben, und euch die schönsten und duftendsten
unserer Rosen auf die Gräber gepflanzt. Denn wir verheimlichen nicht, was wir
wissen und was wir glauben und was kein guter unbefangener Mensch bezweifeln
kann, nämlich dass nicht wir die Richter
