 euch. Entweder verlasst ihr oder
verlasse ich sie nicht! Ihr seid fünfzig und ich bin nur einer; aber in den
Augen der Rache zähle ich ebenso viel wie ihr. Ich rufe die Wüste auf, sich
entweder für euch oder für mich zu öffnen! Von diesem Augenblicke an gähnt
zwischen uns ein Grab. Wen es aufnehmen soll, ob mich oder euch, das mögen die
entscheiden, bei denen ich geschworen habe!«
    Schon stand er im Begriff, sein Kamel zu wenden, da stieß er noch ein
spöttisches Lachen aus und fügte hinzu:
    »Oder mag das auch die Liebe entscheiden, die eure angebetete Götzin ist;
ich habe nichts dagegen!«
    Hierauf ritt er fort, ohne sich noch einmal umzusehen.
    
    Wir blickten ebenso wortlos wie vorhin hinter ihm drein. So ein Schwur ist
eine eigene Sache! Es wäre einem jeden von uns jetzt unmöglich gewesen, die
eingetretene Stille durch ein alltägliches Wort zu unterbrechen. Man hatte da
eine so unbeschreibliche, andachtsähnliche Empfindung, dass ich, wenn ich
Muhammedaner gewesen wäre, gesagt hätte:
    »Die angerufenen Geister von Muhammed und seinen Nachfolgern stehen
unsichtbar um uns her, um zwischen uns und ihm zu entscheiden!«
    So war es nicht nur mir, sondern den andern auch. Einige der Haddedihn
nahmen sich der verwundeten Militärkamele an, und die andern taten, was an den
Leichen der Soldaten zu tun war, und das alles geschah, ohne dass man ein lautes
Wort hörte. Diese Heiligkeit der Situation, möchte ich es nennen, hatte ihren
obersten Grund natürlich in dem Umstande, dass überall, wo der Tod einzieht, sich
mit ihm auch jene fromme Scheu, jenes andächtige Grauen einfindet, über dessen
Ursache sich so wenige Menschen klar werden. Und doch ist es etwas so sehr
Einfaches! Der Mensch scheint, so lange er lebt, sein eigener Herr zu sein. Er
kann tun und lassen, was ihm beliebt; er kann glauben oder bezweifeln, was er
will; er kann gut oder böse handeln, ganz, wie er sich entschließt; er ist ja
überhaupt derjenige, auf den alles ankommt. Da plötzlich streckt sich die Hand
des Todes nach ihm aus, und der Tod ist das Gericht. Der »Herr und Gebieter«
liegt im Staube vor Gott, dem einzigen Herrn, außer dem es keinen andern gibt.
Er hat nun plötzlich Rechenschaft abzulegen über sein ganzes Leben. Er besitzt
nicht die Spur eines Willens mehr; er muss sich fügen. Jede Sekunde seines Lebens
tritt als Zeugin für oder gegen ihn auf, und er muss das ruhig geschehen lassen.
Der Herrgott hält Gericht; zu seinen Seiten sitzen die Gerechtigkeit und die
Gnade. Tief vor ihm hingestreckt liegt auf seinem Gesichte
