 geschehen?« fragte sie zitternd.
    Ich blickte das Mädchen an: auch sie hatte rotgeweinte Augen. Ich erriet -
sie wusste schon die Nachricht, und ihr Geliebter war Soldat. Mir war's, als
müsste ich die Unglücksschwester an mein Herz drücken.
    »Es ist nichts, mein Kind,« sagte ich weich ... »Die fortziehen, kommen ja
wieder zurück -«
    »Ach, gräfliche Gnaden, nicht alle,« antwortete sie, von neuem in Tränen
ausbrechend.
    Jetzt trat meine Tante bei mir ein und Betti entfernte sich.
    »Ich bin gekommen, Dir Trost zu sprechen, Marta,« sagte die alte Frau, mich
umarmend, »und Dir in dieser Prüfung Ergebung zu predigen.«
    »Also weißt Du?« -
    »Die ganze Stadt weiß es ... Es herrscht großer Jubel, dieser Krieg ist sehr
populär.«
    »Jubel, Tante Marie?«
    »Nun ja, bei solchen, die kein geliebtes Familienglied mitziehen sehen. Dass
Du traurig sein wirst, konnte ich mir denken, und darum bin ich hierher geeilt.
Dein Papa wird auch gleich kommen; aber nicht um zu trösten, sondern zu
gratulieren: er ist ganz außer sich vor Freude, dass es losgeht, und betrachtet
es als eine herrliche Chance für Arno, dass er mittun kann. Im Grunde hat er ja
auch recht ... für einen Soldaten gibt's auch nichts Besseres, als den Krieg. So
musst auch Du die Sache betrachten, liebes Kind - Berufserfüllung geht doch allem
voran. Was sein muss -«
    »Ja, Du hast recht, Tante, was sein muss - das Unabänderliche -«
    »Das von Gott gewollte« - schaltete Tante Marie bekräftigend ein.
    »Muss man mit Fassung und Ergebung ertragen.«
    »Brav, Marta. Es kommt ja doch alles so, wie es von der weisen und
allgütigen Vorsehung in unabänderlichem Ratschluss vorher bestimmt ist. Die
Sterbestunde eines Jeden, die steht schon von der Stunde seiner Geburt an
geschrieben. Und wir wollen für unsere lieben Krieger so viel und inbrünstig
beten -«
    Ich hielt mich nicht dabei auf, den Widerspruch, der in diesen beiden
Annahmen liegt: dass der Tod zugleich bestimmt und durch Gebete abzuwenden sein
könne, näher zu erörtern. Ich war mir selbst nicht klar darüber und hatte von
meiner ganzen Erziehung her das vage Bewusstsein, dass man an so heilige Dinge
nicht mit Vernunftfragen herantreten dürfe. Hätte ich gar der Tante gegenüber
solche Skrupel laut werden lassen, so würde sie das arg verletzt haben. Nichts
konnte sie mehr beleidigen, als wenn man über gewisse Dinge rationelle Zweifel
anstellte. »Nicht darüber nachdenken« ist allen Mysterien gegenüber
Anstandsgebot
