 etwas Unerklärliches, Geheimnisvolles in sich
aufgenommen, mein Leben strömt in stolzem Drange, ein sanftes, unendlich
wohltuendes Fieber durchprickelt mir Leib und Seele, Alles in mir ist Dank,
Inbrunst, Hingenommenheit, Fülle, Begeisterung, Größe ... Aber diesem unendlich
Süssen, dem ich dann gehöre, das mich dann ganz aufgezehrt hat -: ihm einen Namen
geben - diesem verklärten Sein, da Sehnsucht und Erfüllung zugleich in mir ist,
eine Formel, ein Schema, eine Rubrik für den Tagescurs auf den Leib schreiben -
nein! das kann ich nicht. Wenn ich mit Euch, Ihr anderen Menschen, Ihr
Aussenmenschen, mit einem sogenannten Bekannten, einem Kameraden, mit irgend
einem Weibe zusammen bin - mein Gott! dann bin ich Gesellschaftstier, meinem
tieferen Ich entfremdet, dann rede und denke und scherze und lache und ärgere
ich mich und raisonnire, schimpfe, schwadronire, debattire, diskutire, spreche
ich ganz wie Ihr, nach dem berühmten Muster socialer Individuen, im Jargon des
Alltags, der Straße, der Kneipe, des Gesellschaftszimmers ... Was wollt Ihr!
Mich kennt Ihr nicht. Das heißt: jenes Wesen eben, in welchem ich zuweilen sein
darf. Aber nun sieh: gerade das Bewusstsein, dass ich zuweilen ein Anderer sein
darf, das gibt meinem ganzen Leben doch eine große Zwiespältigkeit, eine ewige
Unruhe, das macht mich so oft mürrisch, melancholisch, unzuverlässig,
unberechenbar, ungeduldig, ungeniessbar, das wirft mich aus einer Stimmung in die
andere. Ich stürze mich in Genüsse, die für mich keine Genüsse sind, aber ich
muss sie immer wieder aufsuchen, weil ich mich loswerden will, weil ich mich
betäuben will - ich suche sie auf, diese faden Genüsse, obwohl ich mich vor
ihnen ekele, obwohl ich sie verachte ... Ich habe eben überhaupt kein Organ für
alle diese gerühmten plebejischen Freuden. Aber ich mache mit ... und ich bin
zuweilen nicht der schlechteste und zurückhaltendste Cumpan - das wirst Du aus
Erfahrung wissen ... Mein Pech ist nur, dass Ihr Alle mit mir wie mit einer
gewöhnlichen Werkeltagsmünze rechnet - und ich bin, Gott sei's geklagt! oft zu
feige oder oft auch zu gleichgültig, um gegen diese Unverschämheit, zu der ich
Euch übrigens ein gewisses Recht gar nicht abspreche, zu protestiren. Ich lache
Euch oft im Stillen aus, verachte Euch bodenlos, mache aber doch ganz gemütlich
mit, gehe auf Euch und Eure abgestandenen Lebensspässe und Interimsmätzchen ein
- um nachher mich selber desto mehr auszulachen ... Ja! Ja! Diese einsamen
Stunden der Sammlung, der Rückschau, der Reue, des Beisichseins! Da erlebt man
'was! Manchmal allerdings auch Nichts. Und dann
