
schien ihm nutzlos. Er verfluchte jede Minute, die er an ein Buch vergeudet,
jede Arbeit, die nicht aus direkten Erwerb und Erfolg in der Welt hinauslief.
Eine lächerliche Sucht machte sich in ihm geltend, die Gedanken rastlos auf
nächstliegende Ziele zu concentriren und jedes Umherschweifen derselben
abzuweisen. Er vergaß nur darüber, dass jede Meditation ein Ausruhen und
Entlasten des Gehirns bedeutet und daher der Gedankentätigkeit nutzt, und dass
überhaupt jede noch so fernliegende Gedankenreihe irgend eine Vorstellung
heraufbeschwört, die sich an ein näherliegendes Ziel wertvoll anknüpfen lässt.
    Jetzt aber, als die alte römische Lampe seines Ateliers ihr freundliches
Licht um ihn her verbreitete und er, die schweren arabischen Vorhänge vor
Fenster und Türen niederlassend, fern allem Lärm in stiller Beschaulichkeit vor
seiner Staffelei saß, durchdrang eine eigentümliche wohlige Wärme sein
Seelenleben. Wie ein instinktiver Blitzstrahl der Erkenntnis, fühlte er die
große Wahrheit, dass all die hunderttausend Überflüssigkeiten, Nichtigkeiten,
Unannehmlichkeiten, Täuschungen, Kränkungen, Irrwege, Zeitvergeudungen und
Albernheiten des Lebens von Kindesbeinen an, deren Erinnerung auf einen
hamletisch grübelnden Geist von krankhafter Sensitivität als unerträglicher Wust
und Ballast drückt, nötig und in sich nützlich erscheinen, um eben die
spezifische Individualität aufzubauen. Die Individualität aber ist aller Dinge
einzig Wesenhaftes und stellt sich siegreich der überwältigenden Fülle der
sogenannten Wirklichkeit, dieses großen Scheinlebens, gegenüber.
    Es ließ ihm doch keine Ruhe. Etwas musste ja doch geschehen. Schon Weihnachten
vorüber! Vor Neujahr trafen die Hamburger Feinde ja doch sicher ein. Sollte er
zu Frau Lämmers eilen, bei welcher sie jedenfalls Wohnung nahm? - Da riss ihn ein
Brief aus aller Ungewissheit.
        »Nach erfolgter Ankunft in Berlin teile Ihnen mit, dass Fräulein
        Kreutzner während ihres vorübergehenden Aufenthaltes in Berlin unter
        meinem persöhnlichen Schutze steht und ich etwaige Anfechtungen
        Ihrerseits mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln bekämpfen werde -
        ebenso auch zudringliche Besuche und Briefe von Ihnen ohne jede
        Rücksicht beseitigt werden. Sobald ich mich in meiner Wohnung
        eingerichtet bin, werde Sie bitten, mir in Gegenwart von Fräulein K.
        persöhnliche Genugtuung für Ihre mir gewidmete Insulte zu zu geben -
        nach diesem werde ich nicht verfelen Ihnen meine Referenzen bekannt zu
        machen, damit Sie wissen, dass ich bin
                                                          Maximilian Kohlrausch,
                                               Inhaber echter Bier-Restaurants.«
    Das erste Gefühl Roters nach Lektüre dieses originellen Opus trieb ihn zu
einer starken Zwerchfellerschütterung. Das ist ja der reine Größenwahn! O
Maximilian, der letzte Ritter!
    Das zweite Gefühl hingegen trieb ihn instinktiv, seinen starken Stock zu
ergreifen, als wolle er sofort eine körperliche Züchtigung vollstrecken.
    Den dritten Antrieb endlich vollzog er sofort, indem er gelbe Handschuhe
anzog, seinen Cylinder aufstülpte, den Pelzkragen in den Nacken schob und in
voller Gala nach der Gerichtsstrasse hinausfuhr. - Frau Lämmers empfing ihn mit
langem
