. Sie sind
ein Edelmann und ich ein Erwerbsmann, wir haben von Jugend auf in
grundverschiedenen Büchern buchstabieren gelernt, und so liest auch jeder aus
dem Buche des Lebens grundverschiedene Dinge heraus. Sie träumen noch von
geistigen Interessen, um die sich hellte im Grunde keilt Mensch kümmert,
diejenigen am wenigsten, die sie offiziell zu vertreten berufen sind. Die
Erfahrung hat Sie leider noch nicht gewitzigt; Sie lassen sich von der
konventionellen Maske immer noch verführen. Ich nicht. Wir werden uns in
gewissen Fragen niemals verstehen, fürchte ich.«
    »Ist schließlich auch gar nicht nötig,« bemerkte der Baron leise, mit
gereiztem Accent. Dann laut: »Lieber Herr Weiler, wir verschwatzen die Zeit und
Zeit ist Geld - für Sie, nicht für mich, leider! - Sie müssen heute schon rasend
gute Geschäfte gemacht haben, wenn Sie jetzt so verschwenderisch sein dürfen.
Und Verschwendung ist hoch sonst Ihre Sache nicht!«
    »Sie scherzen, Herr Baron; die Bank-Geschäfte gehen momentan schlecht - man
muss zwar viel arbeiten, aber der Nutzen ist gering.«
    »Ich würde mich z.B. mit Ihrem geringen Nutzen gern begnügen, wenn ich heute
einen passenden Platz unter Euch Erwerbsleuten fände ... Das wissen Sie aus
unserem seiterigen Verkehr, dass ich der Not des Lebens Konzessionen zu machen
verstehe. Ich habe Ihnen meine und meiner Wirtschafterin Gelder anvertraut; Sie
haben mir gewisse Spekulationen erleichtert und aus alter Freundlichkeit manchen
kleinen Vorteil verschafft. Dafür bin ich Ihnen verbunden, meine sonstigen Ideen
und Meinungen werden davon nicht berührt. Die Pflege Praktischer Beziehungen
wird doch durch keine Philosophie beeinträchtigt, nicht wahr? Offengestanden,
ich habe alle Hochachtung vor geregeltem Erwerb aus eigener Kraft ....«
    Mit einem: »Verzeihung, meine Herren, wenn ich störe, aber ich .... pardon,
messieurs!« wurde die Unterhaltung von einem unangemeldet hereinfliegenden
Menschen, offenbar Kommis-Voyageur, plötzlich unterbrochen.
    Schon an der Aussentür hatte er die Kontorjünglinge angeschrieen: »Herr
Weiler ist doch da?« mit dem einen Fuß noch auf dem Wagentritt. Die Droschke
hielt hart am schmalen Trottoir. Die vorübergehenden Arbeiter fluchten, sich
vorbeizwängen zu müssen.
    Es war ein vieux beau, eine Figur, wie aus dem Grévinschen »Journal amusant«
geschnitten, mittelgross, hager, in einen hellbraunen Sackanzug gekleidet,
darüber einen eleganten, frêmefarbigen Überrock, aufgeknöpft, zurückgeschlagen,
damit das fein abgesteppte blaue Seidenfutter herauskokettieren konnte, und das
Beinkleid über den Schnabelschuhen bis an die Knöchel aufgekrempelt, so dass noch
ein roter Streifen vom Strumpf sichtbar wurde. Die dünnen, graumelierten Haare,
in der Mitte gescheitelt und glänzend glatt gestrichen, bedeckten die halbe
Stirn: auf der
