 er schob mit dieser Frage weiteren Erörterungen einen
Riegel vor und bewirkte, dass die Schritte augenblicklich verstummten.
    Ich schüttelte schweigend den Kopf.
    »Nun dann - wenn ich Ihnen raten darf - schweigen Sie auch künftig darüber.«
    »Aber aus welchem Grunde denn?« fragte Fräulein Fliedner.
    »Das können Sie sich doch denken, liebste Fliedner,« versetzte er
achselzuckend, fast unwillig. »Es ist bekannt genug, dass der Herzog den Juden
nicht hold ist, weil ihn sein ehemaliger Hofagent, Hirschfeld, fabelhaft
beschwindelt hat und schließlich durchgebrannt ist. Weiter - und das ist die
Hauptsache - gilt der Name von Saßen am Hofe als ein seit Jahrhunderten völlig
unbefleckter. Für Seine Hoheit gibt allerdings die Gelehrsamkeit des Herrn von
Saßen den Ausschlag - anders dagegen ist's mit der Umgebung - ihr imponiert
sicher nur das hohe Alter und die Reinheit des Stammbaumes; solch eine kleine
Ausplauderei seitens der jungen Dame könnte mithin der brillanten Aufnahme des
Herrn Doktors, wie auch ihrer eigenen, einen empfindlichen Stoß versetzen, und
das wird sie sicher nicht wollen.«
    Ich schwieg, weil mir die ganze Rede nicht klar war; ich begriff durchaus
nicht, wie es meinem Vater schaden könne, dass seine Mutter eine Jüdin gewesen,
denn mir fehlte ja der Begriff von jener sogenannten Weltordnung beinahe
vollständig. Es war aber auch gar nicht der geeignete Moment, darüber
nachzudenken - noch zitterte ich in der Nachwirkung des Schreckens, den mir das
plötzliche Hervortreten des gefürchteten alten Mannes verursacht hatte. Und er
stand ja noch mit verschränkten Armen mir gegenüber, und seine Augen glühten
unter den weißen Brauen hervor, als wollten sie mich verbrennen. Ich empfand zum
erstenmal in meinem Leben, dass ich gehasst wurde - eine Erfahrung, die eine junge
Seele so schwer begreift; - die Luft, die ich mit meinem Feinde zugleich atmete,
drohte mich zu ersticken; der Aufenthalt im Glashause wurde mir unerträglich.
    »Ich will heimgehen - Ilse wartet,« sagte ich - mit einer energischen
Bewegung befreite ich mich aus Fräulein Fliedners Armen und griff nach meinem
Hute, während meine Augen mit fieberndem Verlangen in den kühlen, weiten Garten
hinausstrebten.
    »Na, da kommen Sie,« meinte Charlotte aufstehend. »Ei, der Tausend, ich sehe
an Ihrem Blick, dass wir Sie nicht halten dürfen! - Sie wären imstande und
zerschlügen uns die Scheiben, wie der wilde Darling -«
    »Darling hat heute abend seinen Herrn abgeworfen und mit den Hufen
zerschlagen,« sagte ich.
    Dagobert fuhr empor. »Wie, Arthur Tressel? Den famosen Reiter? Unmöglich!«
rief er.
    »Ah bah, ein schöner Reiter das! Der Mensch hätte auch weiser getan, daheim
auf seinem Kontorstuhl
