 ich sie über
Rousseau's Konfessions, das andere Mal über einem Romane von Van der Velde;
heute liest sie Schleiermachers Reden über Religion und morgen die letzte
Schauergeschichte von Dumas oder Eugen Sue - sie urteilt in einzelnen Dingen
vollkommen richtig; aber so wie die Rede auf die summa arcana, die höchsten
Geheimnisse des menschlichen Denkens kommt, oder so wie sie auch nur die Menge
einzelner richtiger Beobachtungen in einem allgemeinen Satze formuliren soll,
beginnt sie zu faseln und bringt so alberne, abgedroschene, aristokratische
Gemeinplätze zu Tage, dass einem Hören und Sehen vergeht.
    Diese Disposition der gnädigen Frau kann, deucht mir, gerade nicht zur
Erhöhung der Annehmlichkeit Ihrer Stellung in Grenwitz beitragen, bemerkte der
Doctor.
    Allerdings, sagte Oswald leichthin; ich suche indessen diesen Zusatz von
Wermut dadurch abzuschwächen, dass ich den philosophischen Expectorationen der
Dame so viel als möglich ausweiche, und mich überhaupt in meinem Verhältnisse zu
der übrigen Familie auf das Notwendige beschränke.
    Sollten Sie die Grenzen, die Sie sich dabei im Interesse Ihrer Zeit und
Ihrer guten Laune ziehen zu müssen glaubten, nicht etwas zu eng gesteckt haben?
sagte der Doctor, die Asche seiner Zigarre an der Lehne des Wagens abklopfend.
    Wie das? fragte Oswald nicht ohne einige Verwunderung.
    Sie verzeihen meine Indiscretion, sagte der Andere, sich noch etwas mehr zu
Oswald herüber wendend, und ihn mit seinen hellen, klugen Augen voll ansehend.
Sie wissen, dass wir Ärzte, wir mögen wollen oder nicht, zu der leidigen Rolle
des Vertrauten in allen Familien, wo wir ein- und ausgehen, verdammt werden. Auf
einem oder dem anderen Punkte hängt schließlich alles mit der physischen Natur,
die wir zu controliren haben, zusammen, und so kommt denn nach und nach auch
Alles vor unser Forum, selbst solche Dinge, die vor jedes andere eher zu gehören
scheinen, als vor das ärztliche. Und wenn die Sache schließlich in gar keinem
Zusammenhange mit der Diätetik des Leibes und der Seele steht, so denken die
Leute: hast du ihm so viel gesagt, kannst du ihm das auch noch sagen. So konnte
denn auch heute die Baronin die Bemerkung nicht unterdrücken - ich bin hier
nicht darauf aus, Ihnen etwas Schmeichelhaftes oder Unangenehmes zu sagen,
sondern einen Wink zu geben, den Sie beachtet oder unbeachtet lassen mögen, wie
es Ihnen gut erscheint, - dass also Sie, der Sie die Gabe angenehmer Unterhaltung
- ich brauche hier die Worte der Baronin - in einem so hohen Grade besässen, und
sich in den Formen des Umgangs mit solcher Leichtigkeit bewegten, es
verschmähten, von diesen Gaben den rechten Gebrauch zu machen, was um so mehr zu
bedauern wäre, als durch diese Zurückhaltung - ich spreche immer noch in den
Worten
