 immer bewohnt
hatten, standen für uns wie für Personen, welche zu der Familie gehörten, in
Bereitschaft. Natalie stand mit lieblichen Mienen neben ihrer Mutter und sah
ihren älteren Freund und mich an. Ich grüßte mit Ehrerbietung die Mutter und
fast mit gleicher Ehrerbietung die Tochter. Gustav war etwas schüchterner als
sonst, und blickte bald mich, bald Nathalien an. Wir sprachen die gewöhnlichen
Bewillkommungsworte und andere unbedeutende Dinge. Dann verfügten wir uns in
unsere Zimmer.
    Noch an demselben Tage und am nächsten besah mein Gastfreund verschiedene
Dinge, welche zur Bewirtschaftung des Gutes gehörten, besprach sich mit
Mathilden darüber, besuchte selbst ziemlich entfernte Stellen, und ordnete im
Namen Mathildens an. Auch die Arbeiten in der Hinwegschaffung der Tünche von der
Außenseite des Schlosses besah er. Er stieg selber auf die Gerüste, untersuchte
die Genauigkeit der Hinwegschaffung der aufgetragenen Kruste und die Reinheit
der Steine. Er prüfte die Größe der in einer gewöhnlichen Zeit vollbrachten
Arbeit, und gab Aufträge für die Zukunft. Wir waren bei den meisten dieser
Beschäftigungen gemeinschaftlich zugegen. Man behandelte mich auf eine
ausgezeichnete Art. Matilde war so sanft, so gelassen und milde wie immer. Wer
nicht genauer geblickt hätte, würde keinen Unterschied zwischen sonst und jetzt
gewahr geworden sein. Sie war immer gütig, und konnte daher nicht gütiger sein.
Ich empfand aber doch einen Unterschied. Sie richtete das Wort so offen an mich
wie früher; aber es war doch jetzt anders. Sie fragte mich oft, wenn es sich um
Dinge des Schlosses, des Gartens, der Felder, der Wirtschaft handelte, um meine
Meinung wie einen, der ein Recht habe, und der fast wie ein Eigentümer sei. Sie
fragte gewiss nicht, um meine Meinung so gründlich zu wissen; denn mein
Gastfreund gab die besten Urteile über alle diese Gegenstände ab, sondern sie
fragte so, weil ich einer der Ihrigen war. Sie hob aber diese Fragen nicht
hervor und betonte sie nicht, wie jemand getan hätte, bei dem sie Absicht
gewesen wären, sondern sie empfand das Zusammengehörige unseres Wesens, und gab
es so. Mir ging diese Behandlung ungemein lieb in die Seele. Mein Gastfreund war
wohl beinahe gar nicht anders; denn sein Wesen war immer ein ganzes und
geschlossenes; aber auch er schien herzlicher als sonst. Gustav verlor sein
anfängliches schüchternes Wesen. Obwohl er auch jetzt noch kein Wort sagte,
welches auf unser Verhältnis anspielte - das taten auch die anderen nicht, und
er hatte eine zu gute Erziehung erhalten, um, obgleich er noch so jung war,
hierin eine Ausnahme zu machen -, so ging er doch zuweilen plötzlich an meine
Seite, nahm mich bei meinem Arme, drückte ihn, oder nahm mich bei der Hand und
drückte sie
