 da ich glaubte, dass ich niemand in dem Schloss
mehr stören würde, ging ich in das Freie, um die milde Luft zu genießen.«
    »Es ist ein eigenes, erquickendes Labsal, die reine Luft des heiteren
Sommers zu atmen«, erwiderte sie.
    »Es ist die erhebendste Nahrung, die uns der Himmel gegeben hat«, antwortete
ich. »Das weiß ich, wenn ich auf einem hohen Berge stehe und die Luft in ihrer
Weite wie ein unausmessbares Meer um mich herum ist. Aber nicht bloß die Luft des
Sommers ist erquickend, auch die des Winters ist es, jede ist es, welche rein
ist, und in welcher sich nicht Teile finden, die unserm Wesen widerstreben.«
    »Ich gehe oft mit der Mutter an stillen Wintertagen gerade diesen Weg, auf
dem wir jetzt wandeln. Er ist wohl und breit ausgefahren, weil die Bewohner von
Erltal und die der umliegenden Häuser im Winter von ihrem tief gelegenen
Fahrwege eine kleine Abbeugung über die Felder machen, und dann unseren
Spazierweg seiner ganzen Länge nach befahren. Da ist es oft recht schön, wenn
die Zweige der Bäume voll von Kristallen hängen, oder wenn sie bereift sind und
ein feines Gitterwerk über ihren Stämmen und Ästen tragen. Oft ist es sogar, als
wenn sich auch der Reif in der Luft befände und sie mit ihm erfüllt wäre. Ein
feiner Duft schwebt in ihr, dass man die nächsten Dinge nur wie in einen Rauch
gehüllt sehen kann. Ein anderes Mal ist der Himmel wieder so klar, dass man alles
deutlich erblickt. Er spannt sich dunkelblau über die Gefilde, die in der Sonne
glänzen, und wenn wir auf die Höhe der Felder kommen, können wir von ihr den
ganzen Zug der Gebirge sehen. Im Winter ist die Landschaft sehr still, weil die
Menschen sich in ihren Häusern halten, so viel sie können, weil die Singvögel
Abschied genommen haben, weil das Wild in die tieferen Wälder zurück gegangen
ist, und weil selbst ein Gespann nicht den tönenden Hufschlag und das Rollen der
Räder hören lässt, sondern nur der einfache Klang der Pferdeglocke, die man hier
hat, anzeigt, dass irgend wo jemand durch die Stille des Winters fährt. Wir gehen
auf der klaren Bahn dahin, die Mutter leitet die Gespräche auf verschiedene
Dinge, und das Ziel unserer Wanderung ist gewöhnlich die Stelle, wo der Weg in
das Tal hinabzugehen anfängt. In der Stadt habt Ihr die schönen
Winterspaziergänge nicht, welche uns das Land gewährt.«
    »Nein, Natalie, die haben wir nicht. Wir haben von der dem Winter als Winter
eigentümlichen Wesenheit nichts als die Kälte; denn der Schnee wird auch aus der
Stadt fortgeschaft,« erwiderte ich, »und
