 ich eine Weile gesessen war, bemächtigte sich meiner eine seltsame
Empfindung, welche ich mir anfangs nicht zu erklären vermochte. Es war mir
nämlich, als sitze ich nicht in einem Zimmer, sondern im Freien, und zwar in
einem stillen Walde. Ich blickte gegen die Fenster, um mir das Ding zu erklären;
aber die Fenster erteilten die Erklärung nicht: ich sah durch sie ein Stück
Himmel, teils rein, teils etwas bewölkt, und unter dem Himmel sah ich ein Stück
Gartengrün von emporragenden Bäumen, ein Anblick, den ich wohl schon sehr oft
gehabt hatte. Ich spürte eine reine, freie Luft mich umgeben. Die Ursache davon
war, dass die Fenster des Zimmers in ihren oberen Teilen offen waren. Diese
oberen Teile konnten nicht nach innen geöffnet werden, wie das gewöhnlich der
Fall ist, sondern waren nur zu verschieben, und zwar so, dass einmal Glas in dem
Rahmen vorgeschoben werden konnte, ein anderes Mal ein zarter Flor von
weiß-grauer Seide. Da ich in dem Zimmer saß, war das letztere der Fall. Die Luft
konnte frei herein strömen, Fliegen und Staub waren aber ausgeschlossen.
    Wenn nun gleich die reine Luft eine Mahnung des Freien gab, sah ich doch
hierin nicht die völlige Erklärung allein. Ich bemerkte noch etwas anderes. In
dem Zimmer, in welchem ich mich befand, hörte man nicht den geringsten Laut
eines bewohnten Hauses, den man doch sonst, es mag im Hause noch so ruhig sein,
mehr oder weniger in Zwischenräumen vernimmt. Diese Art Abwesenheit häuslichen
Geräusches verbarg allerdings die Nachbarschaft bewohnter Räume, konnte aber
eben so wenig als die freie Luft die Waldempfindung geben.
    Endlich glaubte ich auf den Grund gekommen zu sein. Ich hörte nämlich fast
ununterbrochen bald näher bald ferner, bald leiser bald lauter vermischten
Vogelgesang. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf diese Wahrnehmung, und
erkannte bald, dass der Gesang nicht bloß von Vögeln herrühre, die in der Nähe
menschlicher Wohnungen hausen, sondern auch von solchen, deren Stimme und
Zwitschern mir nur aus den Wäldern und abgelegenen Bebuschungen bekannt war.
Dieses wenig auffallende, mir aus meinem Gebirgsaufentalte bekannte und von mir
in der Tat nicht gleich beachtete Getön mochte wohl die Hauptursache meiner
Täuschung gewesen sein, obwohl die Stille des Raumes und die reine Luft auch
mitgewirkt haben konnten. Da ich nun genauer auf dieses gelegentliche
Vogelzwitschern achtete, fand ich wirklich, dass Töne sehr einsamer und immer in
tiefen Wäldern wohnender Vögel vorkamen. Es nahm sich dies wunderlich in einem
bewohnten und wohleingerichteten Zimmer aus.
    Da ich aber nun den Grund meiner Empfindung aufgefunden hatte, oder
aufgefunden zu haben glaubte, war auch ein großer Teil ihrer Dunkelheit und
mithin Annehmlichkeit verschwunden.
    Wie ich nun so fortwährend auf den Vogelgesang merkte
