 die Einsicht, aber ängstliche Scheu vor dem Tadel der
Welt, vor großem Aufsehen hält sie zurück. Der Hauptmann schweigt aus falschem
Stolz, Eduard gibt nach aus kleinlicher Schwäche. Das sind die Verbrechen, die
Sünden, welche begangen werden in dem Roman, und das ist es, was alle
Beteiligten in die Hände der vergeltenden Nemesis liefert, die hier, wie in der
antiken Tragödie, furchtbar waltet.
    Ich stimme Dir ganz bei, sagte der Präsident, und habe selbst oft gestrebt,
Terese für diese Ansicht zu gewinnen. Ich wüsste kaum eine andere Dichtung, in
der diese Idee so rein und vollendet ausgesprochen wäre.
    Denken Sie nur, rief Alfred, der sich um so mehr von dem Gegenstand
hinreißen ließ, als er sein innerstes Seelenleben so nahe berührte, denken Sie
nur, meine Freundin; Ottilie, der sanfte, hingebende Engel selbst, muss das
Werkzeug werden zum Tode des Kindes, das aus der verbrecherischen Umarmung der
Gatten entsprang. Sie stirbt verzweifelnd, Eduard folgt ihr nach. Charlotte
steht einsam zwischen den Gräbern aller Derer, die sie einst liebte, durch diese
Gräber für immer von dem Hauptmann getrennt. Ihr wird das schwerste Loos, zur
Strafe, weil sie es gewesen ist, welche den Fluch bannen konnte und aus
selbstischen Rücksichten das Zauberwort verschwieg.
    Ich muss Ihnen in gewissem Sinne beistimmen, sagte Terese, und doch kann ich
des Widerwillens gegen diesen Roman nicht Herr werden. Schon auf den ersten
Seiten, schon bei dem ersten Schritt in diesen Zauberkreis fühlt man den Atem
der Dämonen wehen, die hier walten. Man möchte fliehen, sich losreißen, weil man
die Nähe eines furchtbaren Geschickes, die Nähe schwerer Schuld empfindet; aber
man ist gebannt durch das allmächtige Wort des Dichters, der uns zu
Mitschuldigen macht, weil wir selbst zuletzt Recht und Unrecht kaum noch von
einander zu scheiden vermögen. Alle Personen des Romans, Ottilie ausgenommen,
sehen die Leidenschaften und die Drangsale hereinbrechen und Jeder überlässt sich
in weicher Schwäche der unerlaubten Neigung. Darum nenne ich das Buch
unsittlich, darum flösst es mir, ungeachtet all Eurer Erkärungen, ein heimliches
Grauen ein, und doppeltes Grauen, weil ich den Sündern nicht zürnen kann, weil
ich mich zuletzt, wie sie selbst, willenlos an die Gewalt ihrer Leidenschaft
hingebe.
    Das gerade ist der Triumph der Wahrheit in der Dichtung, sagte Alfred.
    Oder das Verbrechen des Dichters, meinte Terese.
    Es ist die Wahrheit des Romans und Goethe's vollendete Kunst in der Technik,
die das Werk zu einem Meisterstücke machen. Es beweist für die tiefe Einsicht
Goethe's in das Menschenherz, bemerkte der Präsident, dass wir in seinen Romanen
niemals den ganz unnatürlichen Engels- oder Teufelsfiguren begegnen, die uns
