 emporhebt. Sowie sie, trotz
der historischen Kenntnis des mittelaltrigen Johann Faust, diesen gänzlich in
der unsterblichen Gestalt des Goeteschen Faust verloren hatte, weil der
Letztere allein ihr durch die poetische Schönheit des Gedankens als wirklich
erschien, so bildete sie aus dem Menschen Jesus, den die Apostel beschrieben,
jenen mystischen Christus in sich aus, wie ihn die späteren christlichen
Philosophen als Teil der Dreieinigkeit dachten. Sie wähnte, als diese
Erscheinung in einer bestimmten Form in ihr lebte, endlich an Christus und seine
Wunder zu glauben, in dem Sinne, den Reinhard verlangte, so dass sie mit vollem
Vertrauen von sich zu behaupten wagte, jetzt sei ihr nicht bloß die christliche
Moral, sondern die Menschwerdung Christi zu einer vollkommenen Wahrheit
geworden. Wie bei allen Trugschlüssen stimmte plötzlich Alles zu ihren Ideen,
nachdem sie willkürlich einen Anfangspunkt für ihr System gefunden hatte, den
sie als richtig annahm, obgleich er es in der Tat nicht war. Die sichere Ruhe,
mit der sie sich hinterging, täuschte auch Reinhard und den sie unterrichtenden
Pastor, obgleich der Letztere über eine so unerwartete Veränderung der ansichten
bei seiner Schülerin sehr überrascht zu sein schien.
    Dazu kam, dass seit einigen Wochen Klara und Eduard ihre Teilnahme in
Anspruch nahmen, während zugleich die Entdeckung von Theresens Liebe für
Reinhard und Erlau's unerwartetes Geständnis sie vielfach beschäftigt und ihre
Gedanken von den Forschungen über das Christentum abgezogen hatten, bis der für
die Taufe festgesetzte Termin herannahte und sie wieder darauf hinlenkte. Als
sie nun jenes Glaubensbekenntnis niederschreiben wollte, das sich eigentlich
streng an die im »Glauben« entaltenen Dogmen binden musste; als sie ihr
Nachdenken fest auf den Punkt richtete, fing das Luftgebäude ihrer künstlichen
Überzeugung zu schwanken an, und die Schöpfung einer regen Phantasie zerfloss
vor dem festen Blick ihres Verstandes in ein Nichts. Sie bemerkte das mit
Schrecken. Sie hatte Ruhe und Heiterkeit gewonnen durch die Täuschung, der sie
sich unbewusst hingegeben; was frommte ihr eine Einsicht, die ihr Beides
schonungslos raubte, die sie in das alte Chaos des Zweifels stürzte und, wenn
sie wahr sein wollte, sie von Reinhard trennte, weil ihr Übertritt zum
Christentum bei diesen Zweifeln zu einer Lüge wurde? Vergebens wollte sie die
Vorstellungen in sich zurückrufen, die ihr vor wenig Stunden geläufig und klar
gewesen waren; es gelang ihr nicht. Ebenso wie es dem Erwachsenen nicht gelingt,
jene Empfindung in sich hervorzuzaubern, die wir als Kinder alle haben, wenn wir
im Wagen dahinfahrend wähnen, Bäume und Häuser an uns vorüberfliegen zu sehen,
während wir stille stehen. Wenn uns erst einmal das Gegenteil unumstösslich
bewiesen worden, kann selbst unser fester Wille das Trugbild nicht mehr
erzeugen. Einen Moment lang mag man hoffen, sich gegen die Wahrheit verblenden,
