 ringen, wie müssen die Sinne, diese faulen
Knechte und stummen Diener der Seele, sich abarbeiten, danaidenmässig! denn wenn
nun der Leib meint, er habe sich ein Vergnügen arrangirt, so tritt plötzlich
sein Tyrann auf, Geist, Seele, wie er heißen mag! und spricht: Mit nichten, mein
Guter, der Abhub der Tafel kommt dir zu! - Dann schmaust der Tyrann die besten
Bissen, und trinkt vom Champagner nur den Schaum, und der arme Leib steht
demütig hinterm Stuhl und freut sich, dass es seinem Herrn so gut schmeckt. Man
kann sich gar nicht wundern, wenn er manchmal zur Unzeit verdrießlich wird, sich
lang ausstreckt und sagt: Suche Dir einen andern Knecht! ich hab's satt.«
    »Die Emanzipation des Fleisches, wie das Modewort heißt, welches jetzt
gepredigt wird - entspricht also wohl ganz Ihren Wünschen?«
    »Unsinn, lieber Graf, kläglicher Unsinn, wie er von Leuten mit fixen Ideen
nicht anders zu erwarten ist. All diese Prediger sind mit der Monomanie der
Gleichheit behaftet, die sich durch eine Art von Berserkerwut gegen Alles, was
bisher dominirt und primirt hat, äußert. Die aristokratische Institution, dass
Vernunft, Verstand, Wille den Plebs der Sinne beherrsche, soll nicht mehr
gelten, nicht - weil sie nicht gut und nützlich wäre; sondern tout bonnement,
weil etwas Hochadliges darin liegt, rohes, ungebildetes Volk - gehorchen zu
lassen. Im Mittelalter verliehen die Städte an Ritter und Herren das
Bürgerrecht, und das war eine große Ehre, denn sie traten dadurch in eine
ehrenwerte Verbindung. Jetzt, wo alles Zünftige, als der Gleichheit und
Freiheit widersprechend - abgeschafft wird, taucht plötzlich eine Zunft von
Literaten auf, welche das Bestialitätsrecht verleihen möchte. Aber ich denke,
sie werden es wohl für sich behalten dürfen. - So. Nun bin ich mit der Anlage
fertig. Jetzt sollen Sie die bewussten Bäume sehen.«
    Sie erhob sich, stellte ein Gemälde auf die Staffelei, und sprach zu Mario:
    »Setzen Sie sich davor hin.«
    Es war ein schroffer Felsenabhang über dem Meer. Eine Tanne und eine Birke,
mit seltsam verschlungenen Zweigen, standen am äußersten Rande dieses Abhangs
und bildeten den Vorgrund. Die Birke war ganz unbelaubt; ihr weißer Stamm, die
schlanken Zweige schienen zu zittern und zu frieren im Sturm. Die Tanne breitete
ihre Äste, worauf einzelne Schneeflocken gestreut waren, schützend aus, gleich
starken Armen. Der Himmel war winterlich hart, eisgrau, im Westen kupferrot.
Tief unten dämmerte das Meer.
    Nach einiger Zeit stellte Faustine ein zweites Gemälde auf die Staffelei:
ganz derselbe Gegenstand, aber im Frühling und im Morgenlicht. Die Birke, frisch
und sonnenglänzend,
