 Wenn man aber gegen die Schossneigungen
des Freundes an ihm seine Schuldigkeit tut, dann hat man die reine Empfindung
treu erfüllter Pflicht; wohl die schönste im Leben.«
    »Soll das denn auf unseren Freund eine Anwendung finden?« fragte der
Diakonus etwas befangen.
    »Allerdings«, erwiderte der Oberamtmann, »und Ihren Beistand erbitte ich mir
auch, Herr Diakonus, zu dem, was ich vorhabe. Nachdem der Graf nun
wiederhergestellt ist, oder wenigstens in ganz kurzer Zeit sein wird, kann ich
an mein Geschäft mit ihm oder vielmehr für ihn denken. Meine erste Obsorge muss
nämlich jetzt sein, diese unangemessene und fast verrückte Liebschaft zu
zerstören.«
    Der Diakonus brauste hier, seine geistliche Fassung etwas vergessend, auf
und rief in den bestimmtesten Ausdrücken, dass er zur Zerstörung einer solchen
Liebe, welche keine Liebschaft sei, nicht die Hand biete, vielmehr sie, solange
sie das Gastrecht seiner Schwelle genieße, zu schützen wissen werde. Man wurde
hierauf, obgleich man sich in gewissen Grenzen zu halten wusste, gegenseitig sehr
warm und erschöpfte alles, was an heftigen und starken Versicherungen und
Gegenversicherungen gesagt werden konnte. Endlich fiel dem Diakonus die Frage
ein, welche bei dergleichen Gelegenheiten die erste sein müsste, meistenteils
aber die letzte zu sein pflegt. Er erkundigte sich nämlich nach den Gründen
einer so starken Abneigung gegen diese Verbindung.
    »Ihre Frage kann mir auffallend erscheinen, Herr Diakonus, indessen will ich
sie beantworten«, erwiderte der Oberamtmann. »Mein Freund ist, wie Sie wissen,
aus der ersten Familie des Königreiches, seine Herrschaft gleicht an Umfang
manchem Fürstentume; geborener Reichsstand ist er und das Blut unserer Könige
hat sich mit seinem Geschlechte mehrere Male vermischt. Wenn er nun den
aufgelesenen Findling heiratet, so fallen seine Kinder, wie Bastarde, von der
Bank und sind sukzessionsunfähig, darüber verliert er die Freude an seiner
Herrschaft, weil er nämlich weiß, dass er sie für die fremde Linie aufhebt. Mit
den Anverwandten verhetzt er sich, in seinen Verhältnissen zerrüttet er sich,
bei Hofe kehren sie ihm den Rücken, der Gemahlin muss er sich schämen, in der
Kammer wird er aus übler Laune ein hohler widersprecherischer Schreier, kurz, er
wird auf alle Weise ein elender und verkümmerter Mann. Weil er aber dazu gar
keine Anlage hat, sondern vielmehr ungeachtet mancher Torheit bestimmt ist, sich
zu einem ganz herrlichen und prächtigen Charakter herauszuarbeiten, zu einer
Freude und Zier des Landes, deshalb Herr Diakonus, und deshalb, weil ich seiner
sterbenden Mutter mein Wort auf ihn gegeben habe, ist es meine Pflicht, dieses
Verhältnis, welches für mich eine Liebschaft bleibt, zu zerstören.«
    Die Streitenden gingen mit großen Schritten auf und nieder.
    Der Diakonus pries
