
die Beziehungen des Lebens kamen mir wie kurze Fäden vor, die man mit Mühe von
einem verworrenen Knäuel abwickelt. Meinen Kranken widmete ich zwar eine
pflichtgemässe Sorgfalt, aber ohne Freude am Berufe zu haben. Das eigentliche
Leiden der Welt schien mir dem Arzte so unerreichbar zu sein, dass seine ganze
Beschäftigung mir kleinlich und nutzlos vorkam. Wie sich das Leben vor meinen
Augen zersetzte, so bröckelte mir auch die Wissenschaft auseinander und wurde
ein lockres Aggregat problematischer Einzelheiten, welchen der eigentliche
Mittelpunkt fehlte.
    Auch mich warfen die Anstrengungen und Gemütsbewegungen, verbunden mit einer
starken Erkältung, die ich mir bei einem nächtlichen Ritte zuzog, auf das Lager.
Ein starkes Fieber hielt mich drei Wochen lang zwischen glühenden Phantasien
gefangen, und möchte leicht einen gefährlichen, nervösen Charakter angenommen
haben, wären meine Eingeweide nicht frei von jeder Indigestion gewesen.
    Als ich erstand, war ich wie neugeboren, ich hatte das Gefühl eines Kindes,
dem jeder Gegenstand tausend frische unabgenutzte Seiten zeigt, in den
unbedeutendsten Dingen erkannte ich ein Glück, der Gruß eines Bekannten, seine
Frage, wie es mir gehe? konnte mir auf einen ganzen Tag Freude machen.
    So lebte ich einige Wochen für mich hin, mit Eifer meine Berufsgeschäfte
treibend, und mich um die Wirrsale der Welt wenig kümmernd. Da wurde mir eines
Tages, es war gerade um zwölf Uhr mittags, die wunderbarste innere Erfahrung.
Sie kam ungesucht, unvorbereitet, wohl recht, wie das Höchste erscheinen muss.
    Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, will gestehen, dass auch
nachmals mein Inneres voll Schlacken geblieben ist, aber ich kann, wie Cromwell,
von mir behaupten, dass ich einmal im Stande der Gnade gewesen bin, und deshalb
nicht verlorengehn werde.
    Ich wanderte für mich eine grade, keinesweges zur Erhebung stimmende
Landstraße hin, ruhig, ohne Bewegung des Gemüts, nur an eine ganz gewöhnliche
Tagesobliegenheit denkend. Da, auf einmal, fühlte ich in mir die Existenz
Gottes, und seine unmittelbarste Gegenwart in mir, so dass ich nun ganz bestimmt
wusste: Er ist. Und zwar nicht als Begriff, Idee, sondern sein Dasein ist ein
reelles. Der Sitz dieser Empfindung war der ganze Mensch zwar, jedoch
hauptsächlich und vorzugsweise das Herz, in welchem sich dieselbe wie ein
sanftes Wirbeln gestaltete, welches das Herz zugleich in den Mittelpunkt des
Weltalls rückte, und es auf einen Zug begreifen lehrte, in welchen Gesetzen der
Unschuld, Schönheit und Güte dieses ungeheure Ganze erbaut worden sei. Damals
wusste ich auch sofort, dass wir nie Gott anschauen werden, dass vielmehr die
Seligkeit darin bestehen soll einen solchen Moment für immer zu haben, und dass
dann Gott, wie ein ewiges Pulsieren der Heiligkeit, in uns die Stelle
