. Der gebunden stehende Gott vor dem irdischen
Richter! Diese Gestalt des Christus ist die merkwürdigste; sie ist
unvergleichlich und unbeschreibbar. In dem kräftig gedrungenen Körper, in der
herausgehobenen Stärke der gefesselten Glieder, liegt ein heimlich gewaltiges
Bewusstsein des Gottes, das sich nur selbst verschweigt, aber zugleich überstiegt
sein Antlitz ein unendlicher Gedanke der Trauer, die es ausspricht, dass der Gott
seine Stunde und sein Schicksal erfüllt. Die große welterschütternde Frage: cur
deus homo? stürmt hier gewaltsam auf die bang betrachtende Seele ein. Und der
Blick gleitet hinüber auf den Knecht, welcher den gebundenen Gott festhält. Dies
Gesicht des Knechtes hat der Maler vortrefflich erdacht, und nicht minder darin
die Größe seiner Anschauung ausgedrückt. Es ist die nichtsahnende Dummheit, die
auch von Gott erschaffen ist, damit Einer da sei, der in der Welttragödie die
Bedientenrollen versehe. Die Dummheit dieses Knechtsgesichtes ist darum nichts
desto weniger tragisch; sie gehört eben in die Tragödie hinein. Die
weltistorische Bedeutung der Dummheit ist hier von Rembrand mit einer
schneidenden Kälte und Ruhe des Pinsels ausgemalt. Der Knecht hält den Gott,
damit der Gott nicht etwa entlaufe. Fest hält der Knecht den Gott, und doch ist
der Gott keinem ferner und unerreichbarer, als ihm. Mahnender tritt die
Empfindung der göttlichen Nähe den Pilatus an. Sein wehmütig edles Gesicht,
während er sich das Wasser über die Hände schütten lässt, ist sehr schön, und ihn
überkommt eine Ahnung von Dingen, die er nicht zu begreifen noch zu bewältigen
vermag. Aber er muss das irdische Recht vollstrecken, und er tröstet sich mit der
Pflicht. Dort hat die Dummheit dieser Welt den Gott gebunden, und hier wäscht
die Pflicht dieser Welt ihre Hände in Unschuld. Da ist der Gott verraten, und
jetzt gedenkt man daran, wie sein Reich nicht ist von dieser Welt. Aber durch
Pflicht und Dummheit muss der menschgewordene Gott in den Tod stürzen, denn er
will das ganze Loos des Menschlichen teilen, weil er Fleisch geworden ist.
Dadurch hat er dann wieder das Fleisch dieser Welt geheiligt. Und doch wäscht
Pilatus seine Hände in Unschuld!
    Cur deus homo? diese Frage machte mich immer ernster, diese Frage machte mir
tieftraurige Gedanken. Ich ging mit zagenden Schritten vor dem Bilde auf und ab,
und schaute bald hinauf zu seinen gewaltigen Gegenständen, bald schlug ich die
Augen wie geblendet nieder. In der ganzen Welt lag von Uranfang her eine
unendliche Zerrissenheit ausgesäet, seufzte ich! Gott wohnte im Himmel, und die
Menschen wohnten auf der Erde, und das war die ursprüngliche Weltanschauung, es
gab eine andere nicht. Durch diese Weltanschauung blitzte jedoch immer die
seltsame Ahnung einer längstvergangenen Einheit des Menschengeschlechts mit Dem,
nach dessen Ebenbilde es erschaffen worden,
