
    In der Zwischenzeit aber, d.h. vor der heimlichen Einrichtung, in deren
Folge nachher alles vom Försterhause an den Bräutigam Geschriebene in die Hände
des unechten Korrespondenten gelangte, waren mehrere Briefe teils von s des
Alten, teils von Agnesen selbst an Nolten gekommen, und sie waren von der Art,
dass Teobalds Urteil, insofern es bis jetzt unbedingt verwerfend gewesen, sich
gewissermaßen modifizieren musste. Der Alte ersucht nämlich seinen Schwiegersohn
in einem ebenso herzlichen als wahrhaftigen Ton, er möchte von gewissen
Gerüchten, welche sich zu Neuburg durch die Zudringlichkeit eines eingebildeten
jungen Menschen verbreitet hätten, und die vielleicht auch - was wohl der Grund
seines langen Stillschweigens sei - bis zu ihm gedrungen sein könnten, auf keine
Weise Notiz nehmen. Der Alte setzt die Verwirrung des Mädchens nach seinen
Begriffen auseinander, macht, ohne das Rechte zu treffen, eine nicht eben
unwahrscheinliche Erklärung davon, wobei alles am Ende auf eine seltsame
Skrupulosität, melancholische Überspannung und zuletzt auf alberne Kinderei
reduziert wird. Nolten möchte der Jugend, der Unerfahrenheit des Mädchens
vergeben; er als Vater beteuere, dass der Vorgang in keinem Sinne störende Folgen
nach sich ziehen werde, Agnes habe sich gefasst, ihr Herz sei rein und hänge mit
doppelter Innigkeit an ihm. Indessen, fährt der Vater von sich fort, sei er so
unbillig nicht, es dem Bräutigam zu verdenken, wenn die Sache ihn erschreckt
habe, wenn er der Zeit die Probe überlasse, ob die Braut seiner nicht unwert
geworden, nur wäre zu wünschen, dass er sich persönlich überzeugte, und er sei
deshalb aufs freundlichste nach Neuburg eingeladen. Übrigens möchte er, wenn er
Agnesen schreibe, ihr tief gebeugtes Gemüt soviel wie möglich schonen, sie wisse
nichts von diesen Mitteilungen und scheine sich vorzubehalten, ihm bald mündlich
die treueste Rechenschaft zu geben. Schließlich möge er sich doch wohl bedenken,
ehe er ein Geschöpf, dessen ganzes Glück an ihn gebunden sei, um eines immerhin
rätselhaften und darum schwer zu richtenden Vergehens willen, ohne weitere
Prüfung verstosse.
    Diese Nachricht versetzte den Maler in die sonderbarste Unruhe. Er war
während des Lesens weich geworden, er musste wider Willen seinen entschiedenen
Hass mit einem tiefen Verdruss und ärgerlichen Mitleid vertauschen, und er fühlte
sich dabei fast unglücklicher als zuvor.
    Wenn er freilich Agnesens ursprüngliche, so äußerst reine Natur mit ihrem
neuesten Betragen verglich, so schien ihm der Absprung so grässlich widersinnig,
dass er sich jetzt wunderte, wie er eine Weile an die Möglichkeit einer Untreue
im gewöhnlichen Sinne des Worts hatte glauben können; der Fall stritt dergestalt
gegen alle Erfahrung, dass eben das Außerordentliche des Vergehens zugleich
dessen Entschuldigung sein musste. »Aber was auch immer die Ursache sei« - rief
Theobald aufs neue verzweifelnd aus -, »
