 allein abtun muss.
    Wie viel die Menschen schreiben, davon hat man gar keinen Begriff. Von dem,
was davon gedruckt wird, will ich gar nicht reden, ob es gleich schon genug ist.
Was aber an Briefen und Nachrichten und Geschichten, Anekdoten, Beschreibungen
von gegenwärtigen Zuständen einzelner Menschen in Briefen und größeren Aufsätzen
in der Stille zirkuliert, davon kann man sich nur eine Vorstellung machen, wenn
man in gebildeten Familien eine Zeitlang lebt, wie es mir jetzt geht. In der
Sphäre, in der ich mich gegenwärtig befinde, bringt man beinahe so viel Zeit zu,
seinen Verwandten und Freunden dasjenige mitzuteilen, womit man sich
beschäftigt, als man Zeit sich zu beschäftigen selbst hatte. Diese Bemerkung,
die sich mir seit einigen Tagen aufdringt, mache ich um so lieber, als mir die
Schreibseligkeit meiner neuen Freunde Gelegenheit verschafft, ihre Verhältnisse
geschwind und nach allen Seiten hin kennen zu lernen. Man vertraut mir, man gibt
mir einen Pack Briefe, ein paar Hefte Reisejournale, die Konfessionen eines
Gemüts, das noch nicht mit sich selbst einig ist, und so bin ich in kurzem
überall zu Hause. Ich kenne die nächste Gesellschaft; ich kenne die Personen,
deren Bekanntschaft ich machen werde, und weiß von ihnen beinahe mehr als sie
selbst, weil sie denn doch in ihren Zuständen befangen sind und ich an ihnen
vorbeischwebe, immer an deiner Hand, mich mit dir über alles besprechend. Auch
ist es meine erste Bedingung, ehe ich ein Vertrauen annehme, dass ich dir alles
mitteilen dürfe. Hier also einige Briefe, die dich in den Kreis einführen
werden, in dem ich mich gegenwärtig herumdrehe, ohne mein Gelübde zu brechen
oder zu umgehen.
 
                               Siebentes Kapitel
Am frühsten Morgen fand sich unser Freund allein in die Galerie und ergötzte
sich an so mancher bekannten Gestalt; über die Unbekannten gab ihm ein
vorgefundener Katalog den erwünschten Aufschluss. Das Porträt wie die Biographie
haben ein ganz eigenes Interesse; der bedeutende Mensch, den man sich ohne
Umgebung nicht denken kann, tritt einzeln abgesondert heraus und stellt sich vor
uns wie vor einen Spiegel; ihm sollen wir entschiedene Aufmerksamkeit zuwenden,
wir sollen uns ausschließlich mit ihm beschäftigen, wie er behaglich vor dem
Spiegelglas mit sich beschäftigt ist. Ein Feldherr ist es, der jetzt das ganze
Heer repräsentiert, hinter den so Kaiser als Könige, für die er kämpft, ins
Trübe zurücktreten. Der gewandte Hofmann steht vor uns, eben als wenn er uns den
Hof machte, wir denken nicht an die große Welt, für die er sich eigentlich so
anmutig ausgebildet hat. Überraschend war sodann unserm Beschauer die
Ähnlichkeit mancher längst vorübergegangenen mit lebendigen, ihm bekannten und
leibhaftig gesehenen Menschen, ja Ähnlichkeit mit ihm selbst! Und warum sollten
