 Auge erst einen, als den Familienkreis,
überschauen, dann geht es weiter und weiter, und umfasst die Welt. Wie leicht
wird uns bei einem erweiterten Horizont, und wie sehnen sich alle danach!
    Sie werden mir aber doch nicht streiten, unterbrach sie der Chevalier, dass
diese Erweiterung sowohl durch Raum- als Zeitverhältnisse hedingt ist, und dass
individuelle, wie allgemein geschichtliche, Entwickelungen hier das ihre tun.
Wie oft, rief er, durch das Gewicht eigener Erfahrung unterstützt, wird dies
innere Auge, um Ihr Gleichniss beizubehalten, von undurchdringlichen Nebeln
umschleiert, die so notwendig, wie unwillkürlich, aus dem Kampf des Lebens
erwuchsen. Wo, ich bitte sie, bleibt da die Freiheit der Vernunft?
    In sich selbst, entgegnete der Arzt, in dem Vermögen, sich nach Innen zu dem
höchsten Wesen zu flüchten, an ihm zu stärken, von ihm zu erfahren, was wir
wollen und müssen!
    Der Chevalier schüttelte ungläubig den Kopf, als Antonie bleich und schwach,
auf Marien gestützt, in das Zimmer trat. Man begegnete ihr sehr liebreich, ohne
sie gleichwohl durch zudringliche Fragen oder ein unruhig beeiferndes
Entgegenkommen zu quälen. Es gewann sogar das Ansehen, als lasse man der
Unterhaltung den einmal begonnenen Lauf. Antonie schien wenig auf die Übrigen
zu merken, sie setzte sich neben Marien ins Fenster, und arbeitete ruhig an
einem Haargeflecht, das sie mit großer Sauberkeit zu ordnen verstand. Zuweilen
blickte sie auf, und hauchte einen flüchtigen Kuss auf Mariens Stirn; Viktorine
ging mit der Präsidentin das Zimmer auf und ab, der Herzog stand düster auf
Antonien sehend, dieser gegenüber, die Andren redeten eifrig, vorzüglich fasste
der Chevalier den Faden immer wieder auf, sobald die Unterhaltung einen
Augenblick stockte, und da diese von dem Besondern auf das Allgemeine
hinauslief, so schien man den Gegenstand ein für allemal erschöpfen zu wollen.
Adalbert war auch hinzugetreten. Man kam, wie gewöhnlich, von Einem in das
Andere; und das gemeinsame Gebiet der Ahndungen, Träume und Vorgefühle, ward
nach allen Richtungen durchzogen. Einige, welche das Allgemeine bestritten,
stellten gleichwohl, unwillkürlich fortgezogen, einzelne Tatsachen in einem
Gemisch von Unglauben und innerer Scheu als sonderbare Zufälligkeiten auf. Man
sprach hin und her, über die Möglichkeit wechselseitiger Einwirkung aus der
Ferne. Mehrere bezweifelten sie, andere, unter ihnen der Arzt, meinten, der
Punkt lasse sich schwerlich angeben, wo noch Mitteilung möglich sei,
insbesondere, da man die Agenten keinesweges kenne, welche vermittelnd wirken,
und die verschiedenen Naturen solche auf eigentümliche Weise fordern und finden
müssen. Der Marquis entschied für die Notwendigkeit unsichtbarer Verbindung
durch alle Welten. Er verlor sich in die weiten Sternenräume, bezog ihren Lauf
auf des Menschen Dasein und Bestimmung
