 das Wesen der beiden
vor beider Augen entwickelt, damit sie sich erkennen und einsehen, ob sie sich
einander zutrauen können, das körperliche und geistige Dasein ihrer selbst
freudig auseinander zu entwickeln, zu verwickeln und einem Dritten, ihrem Kinde,
zu vertrauen, damit ein lebendiges Produkt, des bloßen Liebens und Lebens, des
reinsten, süßesten Geheimnisses unschuldige Verkündigung, hervorgehe, mit
denselben Rechten als sie.
    So wird jedes Paares Liebe unendlich, ein Werk der Ewigkeit, und ein
Heiligtum aller Erkenntnis. Die allgemeine Liebesziererei ist übrigens das
Geschäft eines Komplimenteurs, wie es Philander von Sittewald übersetzt: eines
compli menteur, eines vollkommenen Lügners.
    Die verliebte Freundschaft aber ist nichts anders als entweder erbärmliche,
süssliche Schwäche, völlige Unmännlichkeit des einen Teils, oder Täuschung. Ich
bin versichert, dass der Freund, der mir lange in den Armen liegt, entweder
ohnmächtig, sterbenskrank, verwundet und dergleichen ist, oder mich gar nicht
meint, sondern irgend ein hübsches Mädchen, oder eine heimliche, unerreichliche
Geliebte, in deren Armen er gern so rechtlich, so ungestört und frei liegen
möchte.
    Wenn ich es daher ja dulde, dass mein Freund so etwas tue, so tue ich es aus
Mitleid, ich lass ihn an sein Mädchen denken, und denke wo möglich auch an irgend
eine.
    Das Wesen der eigentlichen Freundschaft wird hierdurch gestört, denn es
besteht nicht in Auswechslung, in Vermischung und Durchdringung, es besteht in
bloßer Geselligkeit.«
    Hier unterbrach mich Haber, - »bloße Geselligkeit ist nach meinen Gefühlen
noch lange keine Freundschaft, ich kenne sehr gesellige Menschen, die keiner
eigentlichen warmen Freundschaft, die so recht aus der Seele kommt, fähig sind,
die den Drang, sich an Freundesbrust zu schließen, Herz an Herz, Aug an Aug,
Lippe an Lippe, Pulsschlag, Blick, Hauch und Wort zu teilen, nicht in sich
haben«, - »oder gar eine Art von Handschuh über den ganzen frierenden guten
Freund werden mögen«, fuhr ich lächelnd fort; »ich zum Beispiel kann schon
keines Menschen Freund werden, der mit seinem Herzen, seinen Augen, seinem
Hauche nicht für sich allein fertig werden kann; seine Worte, auf die mache ich
Anspruch, aber am meisten auf seinen Geist, und seine Wahrheit. -
    Freundschaft ist allein durch die verschiedenen Stufen der Bildung
entstanden, die in einem ewigen Krieg miteinander stehen, und ist daher nichts
als stillschweigendes Bündnis durch gleiches Bedürfnis.«
    »Aber«, versetzte Herr Haber, »die reinste Freundschaft dringt über alle
Stufen hinab und hinauf, sie ist frei, und kein Vorurteil des Standes kann sie
hemmen, sie schließt sich bloß an den geliebten Menschen, an das bloße Nackte
ohne alle Bekleidung von Sitte
