 nur ein Mann sind, ebensogut wie geerbte brechen könne?
    Wer philosophisch darüber reden wollte, der könnte dartun, dass überhaupt gar
kein Mensch sein Wort zu halten brauche, nicht bloß kein Fürst. Nach der
Physiologie rückt der alte Körper eines Königs (eines Lesers, eines
Berghauptmanns) in drei Jahren einem neuen zu; - Hume treibts mit der Seele noch
weiter, weil er sie für einen dahinrinnenden (nicht gefrornen) Fluss von
Erscheinungen hält. So sehr also der König (Leser, Autor) im Augenblick des
Versprechens an dessen Haltung gefesselt ist: so unmöglich kann er noch daran
gebunden sein im nächsten Augenblick darauf, wo er schon sein eigener Nachfahrer
und Erbe geworden, so dass in der Tat von uns beiden am 4ten Mai hier
kontrahierenden Wesen am heutigen Mai nichts mehr da ist als unsre bloßen
Postumi und Nachfahrer, nämlich wir. Da nun glücklicherweise niemals in einen
und denselben Augenblick zugleich Versprechen und Halten hineingehen: so kann
die angenehme Folge für uns alle daraus fließen, dass überhaupt gar keiner sein
Wort zu halten verbunden sei, er mag Kuppel oder Sägespan eines Trones sein.
Auch die Hofleute (die Thron-Eckenbeschläge) setzen sich diesem Satze nicht
darwider.
    Das Publikum wird gebeten, die Vorrede für den zweiten Schalttag zu halten,
damit schönes Ebenmass da ist.
 
                                 9. Hundposttag
     Himmels-Morgen, Himmels-Nachmittag - Haus ohne Mauer, Bette ohne Haus
Ach der arme Bergmann, der Minierer im Steinsalz und der Insel-Neger haben in
ihrem Kalender keinen solchen Tag, als hier beschrieben oder wiederholet wird!
Sebastian stand Donnerstags schon um 3 Uhr auf dem Flugbrett seines
Bienenstocks, um in Grosskussewitz in einem Tage anzulanden und wegzusein, eh'
man auf war. Ein Leser, der einen Atlas unten auf dem Fußboden hat, kann
unmöglich diesen Marktflecken, wo die Übergabe der Fürstenbraut vorgeht, mit
einem Namenvetter von Dorf verwirren, den die Stadt Rostock zu ihrem
unbeweglichen Vermögen geschlagen. Das ganze Haus hatte ihn leider so lieb, dass
es schon eine halbe Stunde früher aus den Morgenfedern, woraus die größten
Flügel der Träume gemacht werden, heraus war. Unter dem Getöse der Wagenketten,
der Hunde und Hähne trennte er sein sanftes Herz von lauter liebenden Augen, und
indem ihn das Klopfen des einen und das Erweichen der andern verdross, wurde
alles noch ärger; denn der äußere Lärm stillt den innern der Seele.
    Draußen schwammen alle Grasebnen und Samenfelder im Tropfbad des Taus und im
kalten Lufttal des Morgenwinds. Er wurde darin wie heißes Eisen gehärtet; ein
Morgenland voll unübersehlicher Hoffnungen umzog ihn, er entkleidete seine
Brust, warf sich brennend ins tropfende Gras, wusch sich (aber aus höheren
Absichten als Mädchen) das feste Gesicht mit flüssigem Juniusschnee und
