
von der Zeit an blieben sie seine beständige Lektüre und kamen nicht aus seiner
Tasche. - Alle die Empfindungen, die er an dem trüben Nachmittage auf seinem
einsamen Spaziergange gehabt hatte, und welche das Gedicht an Philipp Reisern
veranlassten, wurden dadurch wieder lebhaft in seiner Seele. - Er fand hier seine
Idee vom Nahen und Fernen wieder, die er in seinen Aufsatz über die Liebe zum
Romanhaften bringen wollte - seine Betrachtungen über Leben und Dasein fand er
hier fortgesetzt - ;155;Wer kann sagen, das ist, da alles mit Wetterschnelle
vorbeiflieht?;139; - Das war eben der Gedanke, der ihm schon so lange seine
eigne Existenz wie Täuschung, Traum und Blendwerk vorgemalt hatte. - Was aber
nun die eigentlichen Leiden Werters anbetraf, so hatte er dafür keinen rechten
Sinn. - Die Teilnehmung an den Leiden der Liebe kostete ihm einigen Zwang - er
musste sich mit Gewalt in diese Situation zu versetzen suchen, wenn sie ihn
rühren sollte - denn ein Mensch, der liebte und geliebt ward, schien ihm ein
fremdes, ganz von ihm verschiedenes Wesen zu sein, weil es ihm unmöglich fiel,
sich selbst jemals als einen Gegenstand der Liebe von einem Frauenzimmer zu
denken. - Wenn Werter von seiner Liebe sprach, so war ihm nicht viel anders
dabei, als wenn ihn Philipp Reiser von den allmählichen Fortschritten, die er in
der Gunst seines Mädchens getan hatte, oft stundenlang unterhielt. -
    Aber die allgemeinen Betrachtungen über Leben und Dasein, über das
Gaukelspiel menschlicher Bestrebungen, über das zwecklose Gewühl auf Erden, die
dem Papier lebendig eingehauchten echten Schilderungen einzelner Naturszenen und
die Gedanken über Menschenschicksal und Menschenbestimmung waren es, welche
vorzüglich Reisers Herz anzogen.
    - Die Stelle, wo Werter das Leben mit einem Marionettenspiel vergleicht, wo
die Puppen am Draht gezogen werden, und er selbst auf die Art mit spielt oder
vielmehr mit gespielt wird, seinen Nachbar bei der hölzernen Hand ergreift und
zurückschaudert - erweckte bei Reisern die Erinnerung an ein ähnliches Gefühl,
das er oft gehabt hatte, wenn er jemanden die Hand gab. Durch die tägliche
Gewohnheit vergisst man am Ende, dass man einen Körper hat, der ebensowohl allen
Gesetzen der Zerstörung in der Körperwelt unterworfen ist als ein Stück Holz,
das wir zersägen oder zerschneiden, und dass er sich nach eben den Gesetzen wie
jede andere von Menschen zusammengesetzte körperliche Maschine bewegt. - Diese
Zerstörbarkeit und Körperlichkeit unsers Körpers wird uns nur bei gewissen
Anlässen lebhaft - und macht, dass wir vor uns selbst erschrecken, indem wir
plötzlich fühlen, dass wir etwas zu sein glaubten, was wir wirklich nicht sind
und statt dessen etwas sind, was wir zu sein uns fürchten. - Indem man nun einem
andern die Hand gibt und bloß den
