 sein Augenmerk zuerst auf das Ganze des
menschlichen Lebens - er dachte sich nicht mehr allein, wenn er sich gequält,
gedrückt und eingeengt fühlte; er fing an, dies als das allgemeine Los der
Menschheit zu betrachten. - -
    Daher wurden seine Klagen edler als vorher - die Lektüre von Youngs
Nachtgedanken hatte dies zwar auch schon gewissermaßen bewirkt, aber durch den
Shakespeare wurden auch Youngs Nachtgedanken verdrängt - der Shakespeare knüpfte
zwischen Philipp Reisern und Anton Reisern das lose Band der Freundschaft
fester. - Anton Reiser bedurfte jemanden, an den er alle seine Gedanken und
Empfindungen richten konnte, und auf wen sollte wohl eher seine Wahl gefallen
sein als auf denjenigen, der einmal seinen angebeteten Shakespeare mit
durchempfunden hatte! -
    Das Bedürfnis, seine Gedanken und Empfindungen mitzuteilen, brachte ihn auf
den Einfall, sich wieder eine Art von Tagebuch zu machen, worin er aber nicht
sowohl seine äußern geringfügigen Begebenheiten wie ehemals, sondern die innere
Geschichte seines Geistes aufzeichnen und das, was er aufzeichnete, in Form
eines Briefes an seinen Freund richten wollte. -
    Dieser sollte denn wiederum an ihn schreiben, und dies sollte für beide eine
wechselseitige Übung im Stil werden. - Diese Übung bildete Anton Reisern zuerst
zum Schriftsteller; er fing an, ein unbeschreibliches Vergnügen daran zu
empfinden, Gedanken, die er für sich gedacht hatte, nun in anpassende Worte
einzukleiden, um sie seinem Freunde mitteilen zu können - so entstanden ihm
unter den Händen eine Anzahl kleiner Aufsätze, deren er sich zum Teil auch in
reifern Jahren nicht hätte schämen dürfen. -
    Die Übung war zwar einseitig, denn Philipp Reiser blieb mit seinen Aufsätzen
zurück - aber Anton Reiser hatte doch nun jemanden, dem er Gefühl und Geschmack
zutrauete, dessen Beifall oder Tadel ihm nicht gleichgültig war, und an den er
denken konnte, sooft er etwas niederschrieb. -
    Nun war es sonderbar; wenn er im Anfang etwas niederschreiben wollte, so
kamen ihm immer die Worte in die Feder: »Was ist mein Dasein, was mein Leben?«
Diese Worte standen daher auch auf mehreren kleinen Stückchen Papiere, die er
hatte beschreiben wollen und dann, wenn es nicht ging, wieder wegwarf. -
    Seine dunkle Vorstellung vom Leben und Dasein, das wie ein Abgrund vor ihm
lag, drängte sich immer zuerst in seiner Seele empor - er fühlte sich gedrungen,
erst diesen wichtigsten Punkt seiner Zweifel und Besorgnisse zu berichtigen, ehe
er irgend etwas anders zum Gegenstande seines Denkens machte. - Es war also sehr
natürlich, dass ihm wider seinen Willen diese Worte immer wieder in die Feder
kamen, wenn er sich bemühte, Gedanken niederzuschreiben. -
    Endlich arbeitete sich denn doch der Ausdruck durch die Gedanken durch - und
das erste, was ihm in ziemlich passende Worte
