 Farbe, jeder
Gegenstand kam ihr anders vor als sonst, weil sie durch ein Paar andre Augen sah
und durch ein Paar andre Ohren hörte; die bekanntesten Dinge schienen ihr fremd,
und es kostete ihr sogar Mühe, ihr ehmaliges Leibglas unter den übrigen
wiederzuerkennen; der Weingeruch, der sie sonst so labte, kam ihr widrig und der
Weingeschmack ekelhaft vor. Sie härmte sich über die Abnahme ihres Vergnügens
und ward von der Traurigkeit so sehr überwältigt, dass dem Körper die Tränen in
die Augen traten; vor Verdruss wünschte sie, sich von einem Leibe zu trennen, der
ihr nur matte Empfindungen zuschickte und ihre liebsten Vergnügungen in
Bitterkeit verwandelte.
    Während dass sie sich so ängstigte und den Tod um Hilfe flehte, kam die Seele
im Weinfasse mit ihrer Predigt über die Mäßigkeit zu Ende, und weil sie damit
bei dem unmässigen Körper hinlänglichen Gehorsam bewirkt zu haben vermeinte, um
sich ohne Schaden mit ihm unter die Menschen zu wagen, so machte sie Anstalt,
aus dem Fasse herauszukommen; sie gab dem Körper einen Stoß, der Körper gab ihn
der Tonne, und die Tonne fiel auf die natürlichste Weise von der Welt um, rollte
auf den Steinen hin, eine steinerne Treppe hinunter, die Reifen sprangen ab, das
Fass fiel auseinander, und die eingesperrte Seele kam nebst ihrem Körper auf die
natürlichste Weise von der Welt aus dem Fasse.
    Ebenso natürlich ging es zu, dass der Körper, ohne die Seele weiter darum zu
fragen, seinen Weg gerade nach der Stube nahm, wo er so oft gezecht hatte: Es
geschah aus Instinkt. Wenn sich doch das Erstaunen mit Worten beschreiben ließ,
das die beiden Seelen überfiel, als jede ihren bisherigen treuen Gefährten
erblickte, ohne mit ihm in der vorigen Verbindung zu stehen! Sie wussten sich's
nicht anders zu erklären, als dass es nicht mit rechten Dingen zuginge, und um
hinter das Geheimnis zu kommen, ließ sie sich in ein Gespräch ein.
    »Welcher Sappermenter hat mir meinen lieben Körper genommen«, fing die
Blunderbussische Seele an, »und mich in eine solche verdammte Maschine gesteckt,
der Geschmack, Geruch und alle andre Sinne fehlen?«
    »O hättest du ihn noch, diesen lieben Körper!« antwortete die andere, »er
wird mich noch um alle meine Philosophie bringen.«
    »Welches Hundeleben, wenn der Körper nichts taugt!« klagte die erste.
    »Welche Qual, wenn der Körper beständig den Herrn spielen will!« jammerte
die andere.
    »Schaff mir einen Dolch oder eine Pistole!« rief die durstige Seele. »Ich
will die verwünschte Maschine ins Herz stoßen, damit ich von ihr loskomme; was
soll ich in so einem baufälligen Leimenhaufen sitzen, dem weder
