 der andern wert. Und weil die Herren allerseits
Eselsöhrchen hatten: so konnte keinem einfallen, dem andern das Auriculas asini
Mida rex habet zuzuflüstern.
    Man kann sich leicht vorstellen, dass die Kunst bei dieser Toleranz nicht
viel gewonnen haben werde. Aber was kümmerte die Abderiten das Interesse der
Kunst? Genug, dass es für die Ruhe ihrer Stadt und das allerseitige Vergnügen der
Interessenten zuträglicher war, dergleichen Dinge friedlich und schiedlich
abzutun. »Da kann man sehen, pflegte der Archon Onolaus zu sagen, wie viel drauf
ankommt, dass man ein Ding beim rechten Ende nimmt. Das Komödienwesen, das zu
Athen alle Augenblicke die garstigsten Händel anrichtet, ist zu Abdera ein Band
des allgemeinen guten Vernehmens, und der unschuldigste Zeitvertreib von der
Welt. Man geht in die Komödie, man amüsiert sich auf die eine oder andere Art,
entweder mit Zuhören oder mit seiner Nachbarin, oder mit Träumen und Schlafen,
wie es einem jeden beliebt; dann wird geklatscht, jedermann geht zufrieden nach
Hause, und gute Nacht!«
    Wir sagten vorhin, die Abderiten hätten sich mit ihrem Theater so viel zu
tun gemacht, dass sie in Gesellschaften beinahe von nichts als von der Komödie
gesprochen: und so verhielt sichs auch wirklich. Aber wenn sie von
Teaterstücken und Vorstellung und Schauspielern sprachen, so geschah es nicht,
um etwa zu untersuchen, was daran in der Tat beifallswürdig sein möchte oder
nicht. Denn, ob sie sich ein Ding gefallen oder nicht gefallen lassen wollten,
das hing, ihrer Meinung nach, lediglich von ihrem freien Willen ab; und, wie
gesagt, sie hatten nun einmal eine Art von schweigender Abrede mit einander
getroffen, ihre einheimische dramatische Manufacturen aufzumuntern. »Man sieht
doch recht augenscheinlich (sagten sie), was es auf sich hat, wenn die Künste an
einem Orte aufgemuntert werden. Noch vor zwanzig Jahren hatten wir kaum zween
oder drei Poeten, von denen, außer etwa an Geburtstagen oder Hochzeiten, kein
Mensch Notiz nahm: jetzt, seit den zehn bis zwölf Jahren, dass wir ein eigenes
Theater haben, können wir schon über Stücke, groß und klein in einander
gerechnet, aufweisen, die alle auf abderitischem Grund und Boden gewachsen
sind.«
    Wenn sie also von ihren Schauspielen schwatzten, so war es nur, um einander
zu fragen, ob z.E. das gestrige Stück nicht schön gewesen sei' und einander zu
antworten, ja es sei sehr schön gewesen - und was die Actrice, welche die
Iphigenia oder Andromacha vorgestellt (denn zu Abdera wurden die weiblichen
Rollen von wirklichen Frauenzimmern gemacht, und das war eben nicht so
abderitisch), für ein schönes neues Kleid angehabt? Und das gab dann Gelegenheit
zu tausend kleinen interessanten Anmerkungen, Reden
