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    Wie wäre es möglich, dass der sanftmütige Sebaldus einen ganzen dem gemeinen
Wesen nötigen und nützlichen Stand auf eine so bittere und zugleich so tölpische
Weise habe öffentlich verunglimpfen wollen? Sollte wohl ein verständiger Mann
zweifeln können, ob jemals ein Termin zur Güte den erwünschten Erfolg gehabt
habe? Dies sieht wirklich viel weniger einem unbefangenen Dorfprediger wie
Sebaldus ähnlich als einem aufgeblasenen Rentenierer wie Erasmus, der verlangte,
dass sich jedermann vor ihm beugen und nach seinem Willen handeln solle, und
deshalb eine Menge Prozesse hatte, in welchen freilich kein einziger Termin zur
Güte jemals einen erwünschten Erfolg haben konnte: ganz natürlich, weil Erasmus
beständig seinem Eigensinn folgen und niemals vernünftigen Vorstellungen Gehör
geben wollte.
    Die Predigten wider den Aberglauben, von der Zufriedenheit, von der
Gesundheit, von der Kinderzucht, von der Glückseligkeit des Landmannes scheinen
von Elardus Notanker, dem jüngeren Bruder unsers Sebaldus, herzurühren. Es sind
ganz leidliche, gutgemeinte, etwas weltschweifige Homilien, die den
Predigtlesern in Städten ganz gut gefallen mögen; nur findet man darin freilich
Spuren, dass sie nicht vor Bauern gehalten worden oder für Bauern bestimmt
gewesen. Wie würde man zum Beispiel (S. 57) darauf kommen, diesen vorzusagen:
»Geld und Ehre machen nicht wahrhaftig glücklich«? Der Bauer hat ja gemeiniglich
kein Geld und verlangt keine Ehre.
    Die beiden Fragmente der Predigten von der Ewigkeit der Höllenstrafen und
vom Tode fürs Vaterland haben ohne Zweifel den witzigen Cyriakus zum Verfasser.
Es ist schon oben gesagt worden, dass er in allen Schreibarten Versuche machte,
und man sieht es diesen Fragmenten nur allzusehr an, dass sie Versuche sind, und
zwar Versuche eines jungen Menschen. Ein Mann, der so viel Überlegung besaß wie
Sebaldus, würde seinen Bauern nicht von der Endlichkeit der Höllenstrafen eine
ausdrückliche Predigt gehalten haben, wenigstens sicherlich nicht auf die Art
wie hier. Er hätte gewiss bedacht: ehe er über diese Materie mit Nutzen predigen
könnte, würde er noch vorher in den großen Vorstellungen seiner Bauern von
göttlichen Strafen, von den Folgen der Untugend, von dem Zusammenhange der Dinge
überhaupt, von Vergebung und Besserung sehr viel ändern und berichtigen müssen.
Hierbei, fühlte er wohl, hätte er für einen gemeinen Bauerverstand leicht zu
subtil werden können, weshalb er, wie wir von ihm selbst erfahren haben, von
dieser Materie seinen Bauern niemals etwas gesagt, sondern ihnen nur Gott als
ein allgerechtes und allgütiges Wesen vorgestellt hat, das seine Strafen nach
weisen Absichten verhängt und dessen Plan dabei allemal das wahre Wohl des
Menschen ist - ohne sich in die transzendenten Begriffe von Ewigkeit und
Endlichkeit einzulassen, die kein Bauer recht genau fassen wird und die ihm zur
Besserung des Lebens, welche Sebaldus für den einzigen Zweck seiner Predigten
hielt, nichts helfen können
