 Es wäre nicht die geringste Arbeit für ihn da. Die Grenzen
unserer kleinen Wirtschaften sind abgesteckt, alles ist ordentlich eingetragen.
Besitzwechsel kommt kaum vor, und kleine Grenzstreitigkeiten regeln wir selbst.
Was soll uns also ein Landvermesser?« K. war, ohne dass er allerdings früher
darüber nachgedacht hätte, im Innersten davon überzeugt, eine ähnliche
Mitteilung erwartet zu haben. Eben deshalb konnte er gleich sagen: »Das
überrascht mich sehr. Das wirft alle meine Berechnungen über den Haufen. Ich
kann nur hoffen, dass ein Missverständnis vorliegt.« - »Leider nicht«, sagte der
Vorsteher, »es ist so, wie ich sage.« - »Aber wie ist das möglich!« rief K. »Ich
habe doch diese endlose Reise nicht gemacht, um jetzt wieder zurückgeschickt zu
werden!« - »Das ist eine andere Frage«, sagte der Vorsteher, »die ich nicht zu
entscheiden habe, aber wie jenes Missverständnis möglich war, das kann ich Ihnen
allerdings erklären. In einer so großen Behörde wie der gräflichen kann es
einmal vorkommen, dass eine Abteilung dieses anordnet, die andere jenes, keine
weiß von der anderen, die übergeordnete Kontrolle ist zwar äußerst genau, kommt
aber ihrer Natur nach zu spät, und so kann immerhin eine kleine Verwirrung
entstehen. Immer sind es freilich nur winzigste Kleinigkeiten wie zum Beispiel
Ihr Fall. In großen Dingen ist mir noch kein Fehler bekannt geworden, aber die
Kleinigkeiten sind oft auch peinlich genug. Was nun Ihren Fall betrifft, so will
ich Ihnen, ohne Amtsgeheimnisse zu machen - dazu bin ich nicht genug Beamter,
ich bin Bauer und dabei bleibt es -, den Hergang offen erzählen. Vor langer
Zeit, ich war damals erst einige Monate Vorsteher, kam ein Erlass, ich weiß nicht
mehr von welcher Abteilung, in welchem in der den Herren dort eigentümlichen
kategorischen Art mitgeteilt war, dass ein Landvermesser berufen werden solle,
und der Gemeinde aufgetragen war, alle für seine Arbeiten notwendigen Pläne und
Aufzeichnungen bereitzuhalten. Dieser Erlass kann natürlich nicht Sie betroffen
haben, denn das war vor vielen Jahren, und ich hätte mich nicht daran erinnert,
wenn ich nicht jetzt krank wäre und im Bett über die lächerlichsten Dinge
nachzudenken Zeit genug hätte.« - »Mizzi«, sagte er, plötzlich seinen Bericht
unterbrechend, zu der Frau, die noch immer in unverständlicher Tätigkeit durch
das Zimmer huschte, »bitte, sieh dort im Schrank nach, vielleicht findest du den
Erlass.« - »Er ist nämlich«, sagte er erklärend zu K., »aus meiner ersten Zeit,
damals habe ich noch alles aufgehoben.« Die Frau öffnete gleich den Schrank, K.
und der Vorsteher sahen zu.
