 recht, und der Türhüter hätte den Mann
getäuscht. Nun besteht aber kein Widerspruch. Im Gegenteil, die erste Erklärung
deutet sogar auf die zweite hin. Man könnte fast sagen, der Türhüter ging über
seine Pflicht hinaus, indem er dem Mann eine zukünftige Möglichkeit des
Einlasses in Aussicht stellte. Zu jener Zeit scheint es nur seine Pflicht
gewesen zu sein, den Mann abzuweisen, und tatsächlich wundern sich viele
Erklärer der Schrift darüber, dass der Türhüter jene Andeutung überhaupt gemacht
hat, denn er scheint die Genauigkeit zu lieben und wacht streng über sein Amt.
Durch viele Jahre verlässt er seinen Posten nicht und schließt das Tor erst ganz
zuletzt, er ist sich der Wichtigkeit seines Dienstes sehr bewusst, denn er sagt:
Ich bin mächtig, er hat Ehrfurcht vor den Vorgesetzten, denn er sagt: Ich bin
nur der unterste Türhüter, er ist nicht geschwätzig, denn während der vielen
Jahre stellt er nur, wie es heißt, teilnahmslose Fragen, er ist nicht
bestechlich, denn er sagt über ein Geschenk: Ich nehme es nur an, damit du nicht
glaubst, etwas versäumt zu haben, er ist, wo es um Pflichterfüllung geht, weder
zu rühren noch zu erbittern, denn es heißt von dem Mann, er ermüdet den Türhüter
durch sein Bitten, schließlich deutet auch sein Äußeres auf einen pedantischen
Charakter hin, die große Spitznase und der lange, dünne, schwarze, tartarische
Bart. Kann es einen pflichttreueren Türhüter geben? Nun mischen sich aber in den
Türhüter noch andere Wesenszüge ein, die für den, der Einlass verlangt, sehr
günstig sind und welche es immerhin begreiflich machen, dass er in jener
Andeutung einer zukünftigen Möglichkeit über seine Pflicht etwas hinausgehen
konnte. Es ist nämlich nicht zu leugnen, dass er ein wenig einfältig und im
Zusammenhang damit ein wenig eingebildet ist. Wenn auch seine Äußerungen über
seine Macht und über die Macht der anderen Türhüter und über deren sogar für ihn
unerträglichen Anblick - ich sage, wenn auch alle diese Äußerungen an sich
richtig sein mögen, so zeigt doch die Art, wie er diese Äußerungen vorbringt,
dass seine Auffassung durch Einfalt und Überhebung getrübt ist. Die Erklärer
sagen hiezu: Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache
schließen einander nicht vollständig aus. Jedenfalls aber muss man annehmen, dass
jene Einfalt und Überhebung, so geringfügig sie sich vielleicht auch äußern,
doch die Bewachung des Eingangs schwächen, es sind Lücken im Charakter des
Türhüters. Hiezu kommt noch, dass der Türhüter seiner Naturanlage nach freundlich
zu sein scheint, er ist durchaus nicht immer Amtsperson. Gleich in den ersten
Augenblicken macht er den Spaß, dass er den Mann trotz dem ausdrücklich
aufrechterhaltenen Verbot zum Eintritt einlädt, dann schickt er ihn nicht etwa
fort
