, antwortete Christian, dessen ganze Aufmerksamkeit
durch dieses Verhör in Anspruch genommen wurde.
    Der Herr habe aber doch behauptet, dass es keine Schuldigen gebe, wie sich
das zusammenreime? Gebe es keine Schuldigen, so gebe es auch keine Unschuldigen.
    »So ist es nicht aufzufassen,« entgegnete Christian, in die Enge getrieben
und der Sonderbarkeit des Ortes, der Stunde, der Umstände in Nerv und Nieren
bewusst; »Schuld und Unschuld stehen nicht in der Beziehung von Wirkung und
Ursache. Eines leitet sich nicht vom andern her. Schuld kann nicht Unschuld,
Unschuld nicht Schuld werden. Licht ist Licht, Finsternis ist Finsternis, aber
eines wird nicht ins andre verwandelt, eines nicht vom andern gemacht. Licht
geht von einem Körper aus, vom Feuer, von der Sonne, vom Gestirn; aber wovon
geht Finsternis aus? Sie ist da. Sie hat keine Quelle. Keine sonst als die
Abwesenheit von Licht.«
    Niels Heinrich schien nachzudenken. Immer auf und ab gehend, stieß er die
Worte in die Luft: man sei beschwatzt; man sei von Kindesbeinen an heillos
beschwatzt. Da habe es immer geheißen Sünde und Unrecht, und alles sei darauf
angelegt gewesen, einem ein böses Gewissen zu machen. Habe man aber mal das böse
Gewissen, so helfe kein Beichten und Gezüchtigtwerden mehr, kein Pastor und
keine Absolution. Und man sei im Grunde doch bloß eine erbärmliche Kreatur. Eine
geschlagene Kreatur sei man, in die Verdammnis hineinverdammt. Das habe ihm
eingeleuchtet, was der Herr gesagt - und ohne Christian anzublicken, streckte er
Arm und Zeigefinger nach ihm aus -, das habe ihm eingeleuchtet, dass keiner
sollte richten dürfen. Das sei wahr, er habe auch noch keinen gesehen, zu dem
man sagen könne, du sollst richten. Jeder trage das Schandmal, das Diebsmal, das
Blutmal, jeder sei behaftet und jeder in die Verdammnis hineinverdammt. Aber
wenn nicht mehr gerichtet werde, dann sei es Mattäi am letzten mit der
bürgerlichen Welt, mit der kapitalistischen Welt, denn die beruhe auf Gericht,
und dass sich Schuldige fänden, um die Schuld auf sich zu nehmen, und Richter,
die nicht von Gnade wüssten.
    Christian sagte: »Wollen Sie nicht das Auf- und Abwandern lassen? Wollen Sie
sich nicht zu mir setzen? Kommen Sie zu mir. Setzen Sie sich zu mir.«
    Nein, er wolle sich nicht zu ihm setzen. Er wolle das alles mal erklärt
haben. Er wolle sich nicht wie 'n Schuljunge aufs Bänkchen ducken; der Herr sei
ihm unverständlich, der Herr foppe ihn wieder mal mit Redensarten, der Herr
solle ihm was Sicheres in die Hand geben, er verlange was Sicheres, woran er
sich halten könne
