 Luft zu befördern. Sehen Sie mich nicht so erschrocken
an, es hatte keine Folgen weiter, man hat sich gehütet.«
    Er verstummte. Christian erhob sich. Voss forderte ihn nicht zu längerem
Verweilen auf; er begleitete ihn bis an die Tür. Dort sagte er mit veränderter
Stimme: »Was sind Sie denn eigentlich für ein Mensch? Sie sitzen vor einem und
schweigen, und man spricht und macht Geständnisse. Wie geht das zu?«
    »Wenn Sie bereuen, will ich alles vergessen haben,« antwortete Christian in
seiner schmiegsamen und höflichen Weise, die immer etwas Zweideutiges hatte.
    Voss ließ den Kopf sinken. »Kommen Sie doch wieder herein, wenn Sie
vorübergehen,« bat er leise. »Vielleicht erzähl ich Ihnen dann,« er wies mit dem
Daumen über die Schulter, »erzähl Ihnen von dort.«
    »Ich werde kommen,« sagte Christian.
 
                                       12
Albrecht Wahnschaffe ging ins Schlafgemach seiner Frau, die zu Bette lag. Es war
ein mächtiges Himmelbett mit gedrehten Holzsäulen; zu beiden Seiten an der Wand
hingen kostbare Gobelins, welche mytologische Szenen darstellten. Eine Decke
aus blauem Damast verhüllte Frau Richbertas majestätische Gestalt.
    Herr Wahnschaffe küsste galant die Hand, die sie ihm mit müder Gebärde
hinstreckte und ließ sich in einen Sessel gleiten. »Ich muss mit dir über
Christian sprechen,« begann er, »sein Treiben beunruhigt mich seit einiger Zeit.
Es ist des Planlosen zuviel. Jetzt wieder dieser Kauf des Diamanten. Dergleichen
wirkt herausfordernd. Ich bin verstimmt darüber.«
    Frau Richberta verzog die Stirn und erwiderte: »Ich sehe durchaus keinen
Grund zur Beunruhigung. Es gibt viele Söhne aus reichem Hause, die ihr Leben in
derselben Weise verbringen wie Christian. Sie gleichen edlen Pflanzen, die dem
Schmuck dienen. Sie bezeugen, meiner Ansicht nach, den Hochstand einer
Entwicklung; sie betrachten sich selbst als Ausgezeichnete, und das mit vollem
Recht. Sie sind durch Geburt und Vermögen der Mühe des Berufs enthoben. Ihr
Wesen ist aristokratische Unberührteit und Distanz.«
    Albrecht Wahnschaffe beugte sich vor, und mit seinen schlanken, weißen
Fingern spielend, denen kein Alter anhaftete, sagte er: »Verzeih, ich bin nicht
ganz deiner Meinung. Ich bin der Meinung, dass innerhalb der sozialen Welt jeder
einzelne eine Funktion zu übernehmen hat, durch die er der Gesamtheit nützt. In
dieser Anschauung bin ich erzogen, und es ist mir unmöglich, sie zugunsten
Christians zu verleugnen. Die Leichterzigkeit in seiner Geldgebarung würde ich
hinnehmen, obschon der Verbrauch der letzten Monate das ihm zugemessene Budget
um ein Erkleckliches übersteigt. Ich notiere es; das Haus Wahnschaffe wird durch
derartige Kapriolen nicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Was mich stutzig
macht, ist die Mittelpunktslosigkeit
