 Heft auf unregelmässige
Art, schrieb niemals Tatsachen ein, sondern, zeitweilig, die letzten Gefühle und
Bekenntnisse, die ihm die Tatsachen vermittelten.
    An diesem Abend schrieb er: »..Mein Schmerz gilt nur unmittelbar der
Verfehlung meines eignen Lebens; in Wahrheit ist es der Schmerz des aus der
Reihe Geworfenen. Und so suche ich das stärkste Willenserlebnis, - das mich über
mich, als Einzelheit, beruhigen, mich von mir selbst, als isolierte Form,
erlösen und mich, mit meiner Person, in Reih und Glied stellen würde ...«
    Er warf die Feder fort, verwühlte die Hand in die überfallenden, langen
Haarsträhnen und starrte lange, grübelnd, vor sich hin.
 
                                Viertes Kapitel
                                    Menschen
 »Trahit sua quemque voluptas.«
                                                                         Virgil.
Olga ging durch die Straßen des neuen Westens dem Tiergarten zu und wollte von
da zur Stadt. Sie ging zu einer öffentlichen Versammlung eines »Bundes«, dem sie
sich angeschlossen hatte. Diesem Bunde, der auf eine Veränderung der moralischen
Wertungen des Sexuallebens hinarbeitete, gehörten Männer und Frauen in fast
gleicher Zahl als Mitglieder und Gäste an, - intellektuelle Streiter, die die
Frage, für deren voraussetzungslose Neudurchforschung sie sich verbündet hatten,
als die verhängnisvollste für die Gesellschaft betrachteten. Die Gesetze der
geschlechtlichen Sitten, aus deren Übung das menschliche Leben sich erneut,
unter zwei Hauptgesichtspunkten zu revidieren, - das war die Aufgabe, die sich
diese Vereinigung gestellt hatte. Diese führenden Gesichtspunkte galten dem Wohl
der Generation, der Rasse im weiteren, - den natürlichen Antrieben des
Individuums im engeren Sinne. Und die Fragen, die es zu erwägen galt,
untersuchten die Bedingungen, die der Betätigung des Trieblebens des normalen
Menschen in den Hochjahren seiner Zeugungskraft, innerhalb der gegebenen Ordnung
geboten waren, - die Schäden und Leiden die sich aus der Missachtung und
Verformung dieser natürlichen Antriebe der normalen Geschlechtsnatur ergaben, -
so wie die Ziele, denen zuzustreben war, um dem einzelnen ein normales Schicksal
zu verbürgen und um der Gesellschaft die Erzeugung eines hochwertigen
Nachwuchses zu sichern.
    Alles öffentliche Durchsprechen sozialer Probleme hatte Olga bisher meist
unbefriedigt gelassen; sie hatte die letzte, rückhaltlose Ehrlichkeit, die dem
Menschen zeigt, was er wahrhaft ist, will und braucht bislang in allen
»Vereinen« vermisst. Hier, zum erstenmal, war sie in einen Kreis getreten, der
sich, wie es ihr schien, um die Erörterung auch dieser innerlichsten
Willensantriebe des Menschen und der Gesellschaft nicht herumdrückte. Ärzte,
Soziologen, Gelehrte, Schriftsteller und Dichter, Vertreterinnen der
Frauenbewegung und Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaften, Künstler und
Laien, - sie alle waren im »Bunde« vertreten. Die Fragen der Ehe, der
Prostitution, des unfreiwilligen Zölibats, der Lage des Kindes, besonders des
