 großen Unterschied zwischen »Stamm« und
»Klan« bei der roten Rasse.
    Das ist ein Gegenstand von größter Wichtigkeit, obgleich es selbst ernsten
Forschern noch nicht geläufig gewesen ist, ihm die Aufmerksamkeit zu widmen, die
er ohne alle Frage verdient. Wie viele Menschen, besonders sogenannte Volks-
oder gar Jugendschriftsteller, haben schon »Indianerbücher« geschrieben, ohne
von dem Außen- und Innenleben der amerikanischen Rasse auch nur die geringste,
positive Kenntnis zu besitzen! Und das wird dann von Andern, die noch weniger
wissen, gelobt und warm empfohlen! Ich wurde schon von vielen, sogar von sehr
vielen »Indianerschriftstellern« besucht; aber es gab keinen, wirklich keinen
Einzigen unter ihnen, der von dem Allerersten, was man da zu studieren hat,
nämlich von den Klanverhältnissen, etwas wusste.
    Wie in der Entwickelung der Menschheit im allgemeinen, so machen sich auch
in der Entwickelung jeder einzelnen Rasse zwei einander grad entgegengesetzte
Bestrebungen bemerkbar, nämlich der Zug der Zerklüftung und der Zug nach
Vereinigung, oder sagen wir, der Zug nach Einheit und der Zug nach Vielheit. Die
Zerklüftung beginnt ihren Weg bei dem, was man als Menschengeschlecht
bezeichnet, geht über die Rasse, die Nation, das Volk, die Stadt, das Dorf immer
weiter herab und hört erst beim abgelegenen Einödhof auf, dessen Besitzer sich
nur bei gewissen Gelegenheiten darauf besinnt, dass er auch mit zur Menschheit
gehört. Das ist der Weg des Patriotismus, der Vaterlands- und Heimatliebe, aber
auch der Weg der nationalen Selbstüberhebung, der politischen
Rücksichtslosigkeit. Der andere Weg ist dem direkt entgegengesetzt. Er führt zur
Vereinigung aller Einzelnen durch einen einzigen, großen Gedanken zu einem
einzigen, großen Volke. Welcher von diesen beiden Wegen der Weg zum wirklichen,
zum wahren Glücke ist, das hat die Menschheit noch bis heute nicht erkennen
wollen, also muss sie es durch bittere Erfahrung kennen lernen.
    Wie schmerzlich, ja, wie grausam diese Erfahrung ist, das zeigt sich bei
keiner Rasse so deutlich wie bei der amerikanischen. Sie ist es, welche die
Zerklüftung, die Zerspaltung am allerweitesten getrieben hat. Nirgends, selbst
im fernsten, dunkelsten Oriente nicht, ist die einst mächtige, imponierende
Einheit in so kleine, winzige, ohnmächtige Brocken und Bröckchen zerrieben und
zerkleinert worden wie bei den Indianern. Jeder dieser Brocken, jeder dieser
vielen Stämme und jedes dieser unzähligen Stämmchen ist stolz auf sich selbst
und stets bereit, aus lauter Selbstschätzung vollends zugrunde zu gehen. Diese
Zersetzung hätte schon längst zur völligen Vernichtung geführt, wenn die großen
Medizinmänner der Vergangenheit nicht bemüht gewesen wären, ihr
entgegenzuarbeiten, und zwar in doppelter Weise, nämlich zunächst in
teologischer und sodann in sozialer.
    Der teologische Weg der Vereinigung lag in dem Gedanken
