
empfehle sich zu solchem Zwecke - und dergleichen mehr, mit Aufzählung von Namen
der Mitglieder und Daten der Zusammenkünfte und wie die Runde laufe; gewöhnlich
Mittwoch, Freitag und Sonntag.
    Aufmerksam hielt Viktor der Rede sein Ohr hin, mit dem Geiste dagegen
schlich er am Gehör vorbei in die Augen: Das der Stattalter! der Herzkönig! der
Herrlichste von allen! Und er, der den Adonis für den Stattalter genommen
hatte! Warum hatte er eigentlich vorausgesetzt, der Stattalter müsse ein
komischer, mindestens unbeholfener Mensch sein? Oh, durchaus nicht komisch, der
Herzkönig! durchaus nicht! - Und starrte ihn unverwandt verblüfft, fast
erschrocken an. - Nun, so sei doch froh, Viktor! dient es doch auch deinem
Stolze, wenn dein Stattalter eine gute Figur macht. Auch das finde ich völlig
in der Ordnung, dass sie ihn offenbar liebt; oder habe ich denn jemals etwas
anderes gewünscht? Bewahre; im Gegenteil; es müsste mich bekümmern, wenn es nicht
so wäre. - Hingegen wieder sie! Diese Herausforderung! Mit einem Gesangverein
über Land zu trudeln, nachdem ich meinen Besuch angekündigt! Ohne Frage, der
Dame fehlt das Schamgefühl.
    »Sie sind doch wahrscheinlich auch musikalisch?« tönte des Stattalters
Stimme in seine Gedanken; »oder lieben wenigstens die Musik?«
    »Ich glaube, ja; das heißt, ich weiß nicht recht, es kommt darauf an.«
    Da schlug drüben vom Kirchturm die Stunde. »Drei Uhr!« entsetzte sich der
Stattalter, erschrocken aufspringend - »ich habe mich verplaudert, ich muss
schleunigst ins Museum. - Also, nicht wahr, ich zähle darauf, Sie in der Idealia
begrüßen zu dürfen?« Reichte ihm hastig die Hand und sputete davon.
Viktor aber zog verstört durch die Gassen. Er mochte sich noch sooft vorsagen:
»Viktor, sei froh«, es half nichts, er war gedrückt, niedergeschlagen,
entmutigt.
    Was war ihm denn Schlimmes widerfahren? Nicht das mindeste; und trotzdem war
er eben niedergeschlagen. Bis er sich draußen vor der Stadt müde gelaufen hatte.
Darauf, zu Hause, wie er die Glieder aufs Ruhbett streckte, wurde ihm wieder
leichter. »Zur Gesundheit«, wünschte ihm sein Körper.
    »Danke, Konrad«, erwiderte er freundlich. Er pflegte nämlich, weil er mit
ihm so gut auskam, seinen Körper kameradschaftlich Konrad zu nennen.
    Nachdem er sich sattsam gedehnt hatte, bemerkte er auf dem Tisch ein
Brieflein, welches, nach den Naturgesetzen zu schließen, vermutlich schon
geraume Weile dort gelegen hatte. Von Frau Steinbach.
    »Sie böser Mensch! Frau Direktor Wyss braucht vor niemand die Augen
niederzuschlagen. Augenblicklich kommen Sie zu mir, damit ich Sie
