 mit Dir vereint zu sein, von Deinen Lippen zugleich die Worte
berauschender Poesie und das feurige Siegel der Liebe zu empfangen! Göttlicher
Traum! Und kann er nicht wahr werden? Ist es nicht das Ziel, jedes Strebens,
jedes Opfers wert? Fühlst Du wie ich, so werden wir es erreichen. Leb wohl,
Licht meines Lebens, auf ewig Deine Giulia.«
    Waldemar hielt das Blatt einen Augenblick lang in der Hand, während die
heftigsten, widerstreitendsten Gefühle in ihm auf- und abwogten. Er sah sich
plötzlich in eine Kette von Verwicklungen gezogen, die ihm keinen Ausweg übrig
zu lassen schienen. Auf der einen Seite stand die entfachte Leidenschaft mit
ihren Sophismen und mit dem Verlangen, der bedrängten Frau ein Retter und
Beschützer zu sein; auf der anderen Seite erhob sich die Mahnung an seine
Zukunft, an seine Stellung in der Welt, an die Pflichten, die sie ihm auferlegte
und an seine bisher so hoch gehaltenen Ideale und schließlich der Widerwille,
dem Herzog in dieser Weise als ein Schuldiger gegenüberzustehen. Endlich musste
er sich aber doch, obgleich mit sich selbst uneins und von den widerstreitenden
Gefühlen bewegt, entschließen, sich zu seinen Gefährten zu begeben.
    Diese hatten sich das Wort gegeben, so unbefangen wie immer zu scheinen und
nur im stillen zu beobachten, um womöglich Schlimmes zu verhüten. Raden ergriff
sogleich das Wort in natürlichster Weise und erzählte von dem vorigen Abend und
der Improvisation Rosas. Als er den Inhalt wiederzugeben versuchte, überflog ein
helles Rot das Angesicht des Prinzen, und er fiel schnell dem Erzähler ins Wort,
wie um seine Verlegenheit zu verbergen, und sagte: »Ja, es ist eine seltsame
Begabung, dies Talent der Improvisation! Es muss doch dabei eigentlich aus dem
Nichts geschaffen werden; hätte man zum Beispiel einen Abend auf dem Lande
erlebt, so wäre die Situation dagewesen, und aus ihr heraus hätte sich
dichterischer Inhalt entsponnen. So aber, im Augenblick auf ein bloßes Wort hin
eine ganze Situation zu erschaffen und zu beleben, dazu gehört eine
Schnelligkeit der Erfindung und eine Beherrschung der Form, die eine ganz
besondere Anlage der Verstandesfähigkeiten voraussetzt. Dass wir diese Begabung
so viel mehr im Süden finden als im Norden, mag wohl seinen Grund darin haben,
dass hier die Natur, wie in ihrer äußeren Erscheinung, so auch im Menschen, eine
raschere Tätigkeit bekundet. Gerade wie hier alles schnell ins Leben drängt, wie
jeder Sonnenstrahl alsbald Knospen weckt, wie die erste Frühlingswärme gleich
schwellendes Leben aus jeder Steinritze hervorruft, so mag auch der geistige
Schaffenstrieb hier eine viel schnellere Betätigung besitzen; und was den
Rhythmus betrifft, so ist er im Süden gewiss angeboren, wie es mir schon die
rhytmischen Tänze zu beweisen scheinen, die so
