 nach und nach in ihn einlebte und an seiner geistigen Tätigkeit den
größten Anteil nahm. Das Mädchen lernte lesen und schreiben, bei Chinesinnen
eine große Seltenheit, wurde in die Gedankenwelt des Oheims eingeführt und von
diesem als Erbin nicht nur seines Vermögens, sondern auch seiner Seelenwelt
betrachtet. So wuchs sie heran, immer schöner werdend, doch nichts begehrend,
als nur für die Mutter und den Oheim leben zu dürfen. Dieser ahnte in seiner
Bescheidenheit gar nicht, dass er ein berühmter Gelehrter war, den sogar
Ausländer aufsuchten, um ihn kennen zu lernen. Er war der englischen Sprache
mächtig und brachte seine Mussestunden gern damit zu, auch seine Nichte in
dieselbe einzuführen. So kam es, dass sie europäische Bücher lesen lernte und vom
Onkel die Erlaubnis erhielt, mit den Frauen der abendländischen Gesandtschaft zu
verkehren. Was bei einem Manne die ganz gewisse Folge gewesen wäre, nämlich ein
innerlicher Zwist zwischen der heimischen und der fremden Anschauung, das wurde
bei Yin zum freundlichen Streben beider, in ihr zu einer vollen, friedlich
klaren Harmonie zusammenzuklingen. Und wie es ganz gewiss wahr ist, dass die Seele
die plastische Entwickelung des Körpers beeinflusst, so wurde es je länger desto
schwerer, aus den Gesichtszügen dieses Mädchens die mongolische Abstammung zu
folgern. Und grad diese Durchgeistigung des einen von dem andern war es, wodurch
Rafflei sofort und für immer gefesselt worden war, als er sie bei dem Besuche
einer englischen Familie zum ersten Male gesehen und gesprochen hatte. Ein so
ungewöhnlicher Mann wie er konnte allerdings auch nur durch ein so seltenes
Wesen wie sie zu dem Entschlusse bewogen werden, alles an das große Glück zu
setzen, sie sein Eigen nennen zu dürfen. Indem er in dieser Weise von ihr
sprach, sagte er:
    »Ich fühlte es, als ich sie kennen lernte, doch klar ist es mir erst nach
und nach geworden, dass in ihr die Vereinigung zweier Ideale Gestalt und Leben
gewonnen hat. Wird die Erde jemals ein einig einziges Schönheitsideal besitzen?
Ich weiß es nicht. Aber meine Yin ist es, nach der ich es meisseln oder malen
würde, wenn ich Künstler wäre! Und ich meine das nicht nur in körperlicher
Beziehung. Die Summe aller seelischen Vorzüge kann nichts Anderes als nur Güte
sein, und Yin ist ganz unfähig, etwas Anderes zu sein, als nur die Güte selbst.
Ich habe um sie gedient, wie Jakob einst um seine Rahel diente, zwar nicht so
lange, aber mit derselben Opferwilligkeit. Sie liebte mich, doch ihr Oheim
weigerte sich, sie der Gefahr auszusetzen, sich von einem abendländischen
Edelmanne, dessen Verwandte sie nicht anerkennen würden, später vielleicht
verlassen zu sehen. Da lernte ich Ki Tai Schin kennen und verkehrte täglich mit
ihm,
