 wach;
da steigt sie in mir auf, und ich muss Euch sagen, dass ich sie nicht nur sehe,
sondern in meinem ganzen Körper fühle, bis an die Fingerspitzen! Oder ist es
nicht mein Körper, sondern der Geist, die Seele, und ich kann es nur nicht
unterscheiden?«
    »Es ist nicht Euer Körper, sondern der innere Uncle und Governor, ganz
derselbe, den Ihr vorhin den inneren Sejjid Omar genannt habt. Wollt Ihr mich
nun noch einmal fragen, was ich von Bildern halte, nämlich von solchen? Denn nur
solche sind Bilder. Alles Andere ist nur Malerei, oft sogar Schmiererei! Das
deutsche Wort Bild kommt von bilden her. Versteht Ihr mich? Das hat mit dem
Ausdrucke nachbilden nur den Klang der zweiten und dritten Silbe gemein, weiter
nichts. Der wahre Künstler hat stets eigene Gedanken. Er bildet niemals nach,
selbst wenn er porträtiert. Er schafft dem vorhandenen Körper Geist und Seele.
Er zeigt am dümmsten Bauernkopf die in Wirklichkeit vollständig unsichtbare,
aber dennoch vorhandene Intelligenz. Er demonstriert am menschenfreundlich
erscheinenden Gesicht des Eroberers die tief in ihm versteckte, stets
kampfesfertige Bulldoggennatur. Und ist er nicht bloß Talent, sondern Genie, so
schafft er auch die gegebene Gestalt vollständig um, ohne dass gewöhnliche Augen
es bemerken, und lässt uns, einem Zauberer gleich, dann Wesen sehen, welche zwar
vollständig berechtigt sind, der Wirklichkeit anzugehören, aber in der Sprache
ganz anderer, höherer Welten zu uns reden. Diese Sprache ist für den Körper
unvernehmbar. Sie klingt nur von Geist zu Geist, von Seele zu Seele. In ihr naht
sich die Macht, die Euch ergriff, als Ihr vor der Yin standet und sie
betrachtetet.«
    »So glaubt Ihr, ein Genie habe dieses Bild erschaffen?«
    »Unbedingt. Nur das Genie gibt neue Rätsel auf, während das Talent sich mit
alten, längst vorhandenen beschäftigt. Und dieses Porträt der Yin ist ein
Rätsel, ein neues, ein schönes, ein entzückendes Rätsel, an dessen Lösung ich
mein Leben setzen würde, wenn ich Maler wäre. Ihr habt zu mir gesagt: Ich will
Euch nach einem Orte führen, wo es spuckt, bei Tage sogar noch deutlicher als
bei Nacht. Mein teurer Freund, diese Yin konnte für Euch nur so lange ein Spuk,
ein Gespenst sein, als es Nacht in Eurem Innern war. Mir scheint, heut ist es
Tag geworden. Wenigstens dämmert es bereits. In diesem Zwielicht erscheint sie
bereits klarer, lichter, schöner, doch noch nicht ganz aus der Nacht gelöst, wie
ich sagte: noch als Rätsel. Aber wartet nur, Sir; die Sonne wird kommen, ganz
gewiss. Dann muss der Vorhang vom
