 mir einen dieser Tische für mich allein
reservieren lassen. Der links davon war nicht besetzt; an dem zu meiner rechten
Hand gab es seit gestern zwei Fremde, welche nicht nur die allgemeine
Aufmerksamkeit, sondern auch die meinige auf sich zogen, obgleich ich mir das
nicht so wie die Andern merken ließ. Sie waren Chinesen, und zwar Vater und
Sohn. Ich erriet das zunächst aus ihrer Ähnlichkeit und hörte es dann aus ihrem
Gespräch, denn ihr Tisch stand dem meinen so nahe, dass ich jedes ihrer Worte
verstehen konnte. Sie waren nicht in heimische Tracht gekleidet, sondern trugen
weiße Reiseanzüge nach französischem Schnitte. Ihre Zöpfe wurden von den
Tropenhelmen verborgen, die sie nur während der Tafel abzunehmen pflegten.
Gleich als sie gestern den Speisesaal betraten, war mir die ebenso tiefe wie
herzlich aufrichtige Ehrerbietung aufgefallen, welche der Sohn dem Vater
entgegenbrachte. Das war eine geradezu rührende Aufmerksamkeit und
Dienstfertigkeit, welche sogar dem servierenden Kellner jede Handreichung und
jeden Griff abzunehmen strebte, um dem Vater Kindesdank und Kindesliebe zu
erweisen. Und man sah deutlich, dass dies nichts Gemachtes, nichts Aeusserliches
war, sondern als etwas frei und gern Gegebenes aus dem Innern kam. Der Vater
trug Augengläser in schwer goldenem Gestell; der Sohn hatte keine Brille. Sie
speisten genau nach unserer Art und taten dies so geläufig und so fehlerlos, so
unhörbar und unauffällig, dass manche der übrigen Gäste sich an ihnen hätten ein
Beispiel nehmen können. Der mich bedienende Garçon flüsterte mir in Hoffnung auf
ein dafür gebotenes Extratrinkgeld zu:
    »Monsieur Fu und Monsieur Tsi aus China. Kommen aus Paris. Sind
wahrscheinlich verwandt miteinander.«
    »Haben sie sich selbst so eingetragen?« erkundigte ich mich.
    »Nein, aber dem Portier so gesagt.«
    Er sprach die beiden Worte nicht in der richtigen Weise aus; aber es war
klar, dass Fu Vater und Tsi Sohn bedeutete. Im Chinesischen hat dasselbe Wort oft
sehr verschiedenen Sinn. Die beiden Gäste hatten ihre Namen nicht genannt und
sich einfach als Vater und Sohn bezeichnet. Da hier im Hause Niemand ihrer
Sprache mächtig war, so hatte man sie als Monsieur »Vater« und Monsieur »Sohn«
in das Fremdenbuch eingetragen und glaubte noch besonders pfiffig zu sein, indem
man sie für Verwandte hielt. Sie aber ließ es sich lächelnd gefallen, dass ihr
Verwandtschaftsgrad als Namen ausgesprochen wurde. Dem Personale gegenüber
sprachen sie französisch, und zwar so vorzüglich, dass eine langjährige Übung
mit Gewissheit anzunehmen war.
    Was ihre Gesichter betrifft, so trat der mongolische Schnitt derselben nur
wenig hervor. Bei dem Sohne mochte diese Milderung eine Folge der Jugend sein;
bei dem Vater aber war es ganz entschieden der Wirkung geistiger Tätigkeit
zuzuschreiben, dass ihn fast nur der echt
