 »andere Yin«? Und was war das für eine Wette? Es gab da
einen Punkt, in welchem Beide nicht übereinstimmten. Und es musste sich um mehr,
um viel mehr als um eine bloße Wette handeln. Wer, wie der Governor, einer
solchen Aufforderung nicht Folge leistet, der macht sich einer Beleidigung
schuldig, welche nach den Gesetzen der Kreise, denen diese Beiden angehörten,
sonst nur einen blutigen Ausgang nehmen kann. Wie kam es, dass Rafflei, der in
Bezug auf Ehrensachen so außerordentlich empfindliche Edelmann, sie in so
ruhiger, ja sogar in begütigender Weise hingenommen hatte? War er sich
vielleicht einer Schuld bewusst? Ganz gewiss nicht! Dieser Mann trug trotz aller
seiner Eigenheiten nicht eine Spur der Möglichkeit in sich, irgend Etwas zu tun,
was im Kodex der guten Gesellschaft als unerlaubt bezeichnet wird. Es konnte
sich hier nicht um ein Vergehen, sondern nur um eine Verschiedenheit der Ansicht
handeln, zumal der Governor, sobald das Quiproquo vorüber war, sich ganz so
unbefangen wie vorher zu ihm verhielt.
    Und doch konnte es dem scharfen Beobachter nicht entgehen, dass ein
unsichtbares Fragezeichen zwischen dem Einen und dem Andern schwebte, und dieses
Fragezeichen schien ein chinesisches zu sein. Es verstand sich ganz von selbst,
dass wir, die wir uns hier am Tore von China befanden, dieses Land auch im
Gespräche wiederholt berührten; dann wurde der Governor jedesmal still; man
merkte deutlich, dass er sich Reserve auferlegte. Und Rafflei war es anzuhören,
dass er sich bemühte, seine Äußerungen abzumessen. Ich selbst befand mich da in
einer ziemlich unbequemen Lage. Der Governor war kein Freund der mongolischen
Rasse; das stand fest. Rafflei war es früher auch nicht gewesen, schien aber
seine Ansicht geändert zu haben; jedenfalls gab es für ihn einen Grund, sich
nicht so zu äußern, wie er es zu dürfen wünschte. Und ich musste mich, um nicht
anzustossen, mit oberflächlichen Bemerkungen behelfen, obgleich es in meiner
Natur liegt, jeder Sache gern auf den Grund zu gehen. Darum traten zuweilen
Pausen ein, welche selbst durch Liebenswürdigkeiten nicht unbemerkbar gemacht
werden konnten.
    Ich muss sagen, dass Rafflei mir jetzt anders vorkam, als er früher gewesen
war. Schon körperlich hatte er sich verändert. Seine hagere, knochige Gestalt
war voller geworden; die scharfen Linien seines Gesichtes hatten sich gemildert.
Die Nase trat nicht mehr so hervor; es zeigte sich alles runder, sanfter,
ansprechender als vorher. Er war, um mich so ausdrücken zu dürfen, jetzt
bedeutend »hübscher« als vorher. Seine Physiognomie war früher die eines
scharfen Denkers, eines sehr willenskräftigen Mannes gewesen, der mit
selbstbewusster Rücksichtslosigkeit seine eigenen Wege geht; nun aber schien der
Geist
