 intellektuelle Bewegung abzustehlen
und sie im Bodenschmutze zu verzerren, um selbst auch einmal für Etwas gehalten
zu werden? Der Kopf kam immer weiter und immer deutlicher hinter mir hervor. Er
bemühte sich, dem meinem möglichst ähnlich zu werden. Es war sogar das Bestreben
zu erkennen, meine Gesichtszüge wiederzugeben. Aber so oft ich ihm das Gesicht
auch zukehrte, ich sah doch nur, dass ihm dies nicht gelang. Diese Schemen haben
ja ein-für allemal darauf verzichtet, ein menschenwürdiges Antlitz zu besitzen!
Je mehr die Sonne sich von mir entfernte, um so dreister zeigte sich das
Phantom. Die Schultern, der Leib, die Arme kamen zum Vorschein, sogar auch die
Beine, aber nicht als wirkliche, greifbare, lebendige Gestalt, sondern als
wesenloses Trugbild, welches nur so lange stand hielt, als man sich selbst nicht
bewegte. Sobald man ihm aber nähertreten oder die Hand ausstrecken wollte, um es
zu prüfen, wich es sofort zurück. dabei war zu bemerken, dass die erst vorhandene
Ähnlichkeit der Umrisse sich in ganz genau demselben Verhältnisse verringerte,
in welchem das Zerrbild sich vergrößerte. Es verschwanden nicht nur sehr bald
diejenigen Konturen, welche möglicherweise hätten auf mich schließen lassen
können, sondern die Missgestalt wurde allmählich so unförmlich und ging nach und
nach derart in das Ungeheuerliche über, dass es mir fast wie ein Wahnsinn vorkam,
die Stelle, an welcher ich stand, als den Entstehungspunkt derselben zu
betrachten. Freilich waren ihre Füße grad da zu sehen, wo ich mit den meinen
stand; außer diesem allereinzigen Umstand aber gab es keinen zweiten Grund,
anzunehmen, dass diese ultramonströse Ausgeburt in irgend einer Beziehung zu mir
stehe. Ich stand auf dieser Stelle aufrecht, selbstbewusst, eine kraftvoll und
unabhängig sich bewegende Persönlichkeit! Wie aber der Schatten? Er hatte sich
aus dem Schmutze entwickelt, den ich mit Füßen trat! Aus ihm war er unter diesen
meinen Füßen hervorgekrochen! Aus ihm hatte er versucht, sich an mir
emporzurichten, wohl gar über mich hinaus ins Sonnenlicht zu ragen! Aber es
gibt keinen Schatten, der nicht fallen muss! Auch dieser mein ultramonströser
Schatten fiel! Er konnte und durfte nichts als fallen - fallen - - fallen! Das
ist das furchtbare Schicksal jedes Schattens - - jeder Dunkelheit - - jeder
Finsternis! - - Und das Selbstbewusstsein? Konnte der Kopf meines Schattens
überhaupt Etwas enthalten? Ja? Nun dann aber ganz gewiss nicht ein eigenes
Selbstbewusstsein, sondern nur die schattenhafte Verzerrung des meinigen! Infolge
dieser Verzerrung glaubte er wahrscheinlich, mich zu haben; aber ich, ich hatte
ihn! Er war Schatten; er ist Schatten, und er wird Schatten bleiben! Er braucht
volle Menschheitspersonen, um durch sie zu existieren. Finden sie sich
