
    »Du bist persischen Glaubens?«
    »Persischen? Ja!«
    »So wird deine Blutrache nach schiitischen Gesetzen und zwar nach den
Auslegungen des Khalil behandelt werden müssen. Ich hoffe, dass du rechnen
kannst?«
    »Beleidige mich nicht!«
    »Hast du das Blut berechnet?«
    »Blut? Berechnet? Ich verstehe dich nicht.«
    »Wie viele Personen sind getötet worden?«
    »Eine.«
    »Von wie vielen wurde sie getötet?«
    »Von zweien.«
    »Welches Geschlechtes waren diese?«
    »Ein Mann und ein Weib.«
    »Gelten beide in Beziehung auf die Blutrache gleich?«
    »Nein, das Weib halb. Was fragst du mich nach so bekannten Dingen!«
    »Du wirst es gleich hören. Andertalb Personen haben eine Person getötet.
Nach Khalil gehört also jeder der beiden Täter nur zu drei Vierteilen deiner
Rache. Das andere Viertel darfst du nicht berühren. Wenn du es verletzen
solltest, bist du selbst der Rache verfallen. Das ist es, was ich dir vorher zu
sagen hatte.«
    Man sah dem Multasim an, dass ihm diese pfiffige, aber durchaus auf dem
Gesetze beruhende Ausführung das Gleichgewicht störte. Solche Bruchteile lassen
sich nur dann bezahlen, wenn der Preis, nicht aber Blut gefordert wird.
Übrigens war ich neugierig, ob er unsere unter vier Augen getroffene
Verabredung erwähnen werde. Tat er das, so durfte er sich nicht an den beiden
anderen rächen. Forderte er aber deren Blut, so war ich wieder frei. Seine nun
zu erwartende Anklage musste Licht in diese Sache bringen. Er öffnete bereits den
Mund, um zu beginnen, da ergriff Hanneh vor ihm das Wort:
    »Halt!« sagte sie. »Auch ich habe vorher ein Wort zu sagen. Nämlich nach den
Auslegungen von El Mohekkik und Minhadj gibt es keine - - -«
    »Maschallah!« unterbrach sie der Pedehr erstaunt. »Dass du so gelehrt bist,
das ahnte ich nicht!«
    Sie nickte mir lächelnd zu, antwortete ihm nicht und begann von neuem:
    »Nach den Auslegungen von El Mohekkik und Minhadj gibt es keine Blutrache,
wenn der Getötete kein Muhammedaner ist. Der tote Muhassil aber war ein Christ.«
    »Beweise es!« fuhr der Multasim sie zornig an.
    »Bist du, sein Vater, ein Moslem?«
    »Ja.«
    »Du hast vorhin gesagt, du seist armenischer Christ!«
    »Ich scherzte.«
    »So hast du dein Leben verwirkt!«
    Sie erhob sich, zeigte auf ihn und fuhr im strengsten Tone fort:
    »Ich ging vorhin an diesem Lügner vorüber und würdigte ihn, von meinen
Lippen gegrüßt zu werden. Er dankte
