 dem aufgesprungenen Fleische löse. Aber er ist stark. Vom Wundfieber
kann ich ihn nicht befreien, doch dann wird er, wie ich hoffe, schnell genesen.«
    »Und sein Weib? Dieser Schreck! Dann die Anstrengung des Rittes! Die
Aufregung wird sie aufrecht gehalten haben. Aber nun? Wie geht es ihr?«
    »Sie ist ein rüstiges Weib: du brauchst keine Sorge um sie zu haben. Aber
unser Ustad war sehr betrübt über sie.«
    »Warum?«
    »Das fragst du mich? Habe ich dir nicht mitgeteilt, dass ein Dschamiki
niemals Menschenblut vergisst? Sie wird bestraft!«
    Ich sah ihn ungläubig an.
    »Ja,« nickte er ernst; »sie wird bestraft! Das Leben des Menschen ist nicht
bloß das, als was es von dem Durchschnittsmanne betrachtet wird. Es ist etwas
ganz Anderes. Es ist mehr, viel mehr als bloß ein Existieren auf der Erde,
welches mit der Geburt seinen Anfang und mit dem Tode sein Ende nimmt. Ja, es
ist sogar auch mehr als bloß ein Irgendwoherkommen zu der Erde und dann ein
Irgendwohingehen von der Erde! Es hat nämlich einen Zweck! Und wenn dieser Zweck
durch irgend einen unglückseligen Umstand, sei es, wie hier, durch eine tötende
Hand, nicht erreicht wird, so wird nicht nur das augenblickliche Leben, die
gegenwärtige Existenz vernichtet, sondern mit ihr auch alles, was seit Anbeginn
bis heut vorhanden war und unter unendlichen Kämpfen sich entwickelte, um
diejenige Form des Daseins zu erreichen, welche nun von der verbrecherischen
Tat zertrümmert worden ist. Muss da nicht selbst die größte, die höchste Liebe
als strafende Gerechtigkeit eingreifen?«
    Als er dies sagte, stellte ich mir die Szene vor, welche dem Muhassil das
Leben gekostet hatte. Was hätte wohl ich an der Stelle des Gepeitschten getan?
Und seine Frau! Wie musste der Anblick der fürchterlichen Schande, die man ihm
antat, ihre ganze Natur empören! Sie handelte unter der Einwirkung des
Augenblickes, und weil dieser Augenblick ein blutiger war, so sprang auch das,
was sie tat, als Erzeugnis des Momentes blutigrot gefärbt aus ihr hervor.
    »Du sprichst von Strafe,« sagte ich. »Meinst du damit auch Hafis Aram
selbst?«
    »Nein. Er ist ein Kalhur. Ihn haben wir nicht zu richten.«
    »Gehört sein Weib noch zu eurem Stamm?«
    »Ja. Die Dschemma117 der Dschamikun wird zusammentreten, um das Urteil zu
fällen.«
    »Wer wird der Vorsitzende dieser Versammlung sein?«
    »Ich.«
    »Nicht der Ustad?«
    »Nein. Er ist der geistliche Scheik des Stammes. Für weltliche
Angelegenheiten bin ich es.«
    »Darf ich
