 stechen wolle. Er zuckte, obgleich dieses
letztere fast von der Spitze der Klinge berührt wurde, doch mit keiner Wimper
und veränderte auch den Ausdruck des Gesichtes nicht im Geringsten. Ein Sehender
hätte sich bei dieser meiner plötzlichen Bewegung doch wohl anders verhalten; er
schien also doch wirklich blind zu sein. Darum antwortete ich in freundlicherem
Tone als zuletzt:
    »Du wirst die gewünschte Auskunft erhalten, wenn du vorher uns welche über
dich gegeben hast. Vor allen Dingen will ich dir sagen, dass du dich um dich
nicht zu ängstigen brauchst. Du befindest dich bei guten Menschen, welche dich
als Freund und Hilfsbedürftigen behandeln werden. El Ghani ist ein Mekkaner?«
    »Ja; wir alle sind aus Mekka. Aber ich bin blind und sehe euch nicht; ich
weiß also nicht, ob und wie ich euch antworten soll und darf. Ich bitte euch
also, nachsichtig gegen meine Unbehilflichkeit zu sein und mir zuerst zu sagen,
wer ihr seid!«
    »Komm erst zu unserem Lagerplatz! Du hast nur höchstens fünfzig Schritte
weit zu gehen.«
    »So führe mich!«
    Ehe ich ihn bei der Hand nahm, wiederholte Halef mein voriges Experiment mit
seinem Messer. Der Blinde bemerkte es wirklich nicht. Dann, als wir gingen, nahm
ich ihn so, dass das Grab grad vor ihm lag. Drei Schritte, und dann wäre er
unbedingt hineingelaufen, wenn ich ihn nicht auf die Seite gezogen hätte. Der
Ortswechsel wäre gar nicht notwendig gewesen, wenn ich ihn nicht vorgeschlagen
hätte, um den Gang dieses Mannes zu prüfen. Er bewegte sich mit einer
Unsicherheit, welche gewiss nicht bloß eine Folge der ausgestandenen
Anstrengungen und Entbehrungen war. Obgleich er von mir geführt wurde, waren
seine Schritte so vorsichtig suchend, wie man es nur bei Blinden beobachtet und
ein Sehender es nicht nachmachen kann. Wir hatten es also nicht mit einem
Simulanten zu tun.
    Die guten Folgen dieser bestandenen Prüfung gaben sich sofort im Verhalten
der Haddedihn zu erkennen, die nun nicht mehr Misstrauen gegen, sondern
herzliches Mitleid für ihn fühlten. Sie bereiteten ihm einen weichen Sitz und
fragten ihn nach Wünschen, die sie vielleicht erfüllen könnten. Er bat wieder um
Wasser. Als er nun zum drittenmale seinen immer wiederkehrenden Durst gelöscht
hatte und wir ihn fragten, ob er nicht auch Hunger habe, antwortete er:
    »Ich weiß nicht, wie lange ich nicht gegessen habe, denn ich war nicht in
meinem Körper und habe keine Augen für den Unterschied zwischen Tag und Nacht.
Der Morgen ist für mich grad wie der Abend, und nur wenn von einem mir ganz
nahen Gegenstande der Sonnenstrahl in das Auge zurückgebrochen wird, kann ich
ihn als Schatten mit verschwommenen Umrissen erkennen. Als ich zum
