 beim wirklichen Scheintode das
Bewusstsein und die Empfänglichkeit der Sinne vollständig erloschen seien. Das
ist bei meiner Großmutter zwei Tage lang der Fall gewesen; als dann am dritten
Tage ihr die Besinnung zurückkehrte, hat sie sich im Sarge liegend gefunden.
Doch hat sie das nur aus den Reden der um sie Stehenden schließen, nicht aber
sehen oder fühlen können, weil es ihr unmöglich gewesen ist, die Augen zu öffnen
oder überhaupt mit irgend einem Gliede die geringste Bewegung zu machen. Sie
fand später keine Worte, die entsetzliche Angst, die Verzweiflung zu
beschreiben, mit welcher sie sich angestrengt hatte, ein Lebenszeichen zu geben;
aber ihr Wille, die ganze Summe ihrer geistigen Energie war ohne Einfluss auf den
Körper gewesen. Da hatte sie eingesehen, dass ihre einzige Rettung nur noch im
Gebete liege. Sie war eine gottesgläubige, sehr fromme Frau, und du kannst dir
denken, dass sie nie so inbrünstig gebetet hat wie damals vor der dunklen Pforte
des Grabes, in welches sie bei vollem Bewusstsein gebettet werden sollte. Unsere
heilige Schrift sagt: Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich
ist. An diesem Ernste hat es bei Großmutter wohl nicht gefehlt, und so sind
diese Bibelworte auch an ihr zur Wahrheit geworden. Als ein Kind zum Abschiede
ihre Hand fasste, hat sie endlich, endlich die Finger bewegen und den Druck
erwidern können. Das Kind hat vor Schreck laut aufgeschrieen und zitternd und
stammelnd die Mitteilung gemacht, dass die Tote noch nicht ganz gestorben,
sondern in der Hand noch lebendig sei, worauf man sich von der Wahrheit dieser
Behauptung überzeugte und nach dem Arzte schickte, unter dessen Behandlung die
Kranke dann langsam wiederhergestellt wurde.«
    Hanneh hatte vorhin ihr Zelt verlassen und sich uns auch zugesellt. Sie
verfolgte das, was ich erzählte, mit großer Aufmerksamkeit und fiel jetzt mit
der Frage ein:
    »Du bist der Ansicht, Sihdi, dass die Seele der Mutter deines Vaters damals
ihren Körper verlassen habe?«
    »Ja,« antwortete ich.
    »Das ist mir von großer Wichtigkeit! Aus dem, was du erzähltest, folgt, dass
deine Großmutter eine Seele gehabt hat?«
    »Allerdings.«
    »Glaubst du, dass sie die einzige Frau auf Erden war, welcher Allah eine
Seele gab?«
    »Nein, denn jedes Weib erhielt dies Gottesgeschenk.«
    »Und der Islam lehrt, das Weib besitze keine Seele und könne also auch nicht
teilnehmen an den ewigen Freuden des Paradieses. Der Islam sagt, das Weib sei
nur zu dem Zwecke geschaffen, mit ihrem Körper Dienerin des Mannes zu sein, und
darum habe mit dem Tode dieses Körpers für sie alles Leben aufgehört. Ich habe
mit dir, Effendi, in jener Nacht
